Von Dieter E. Zimmer

Zehn Jahre lang schrieb der Engländer Malcolm Lowry an seinem Hauptwerk; 1934 in Mexiko begonnen, wurde es dreimal völlig umgearbeitet (der Schluß entstand in Kanada, in einer Kneipe am Ontario-See), bis es 1944 einen amerikanischen Verleger fand und 1947 tatsächlich verlegt wurde; zwar erkannte die Kritik sogleich seinen Rang, aber als Lowry 1957, achtundvierzig Jahre alt, in England starb, an der gleichen Sucht, die auch seine Hauptfigur zugrunde richtete, dem Alkohol, nahm man kaum Notiz davon. Der Ruhm, den er heute in der angelsächsischen Welt und in Frankreich genießt, kam ihm posthum zu. In Deutschland gibt es bisher nur wenige, denen auch nur sein Name etwas sagt, obwohl der Klett-Verlag schon 1951 eine – allerdings unbeholfene, allerdings wenig einfühlsame – Übersetzung präsentiert hatte. Jetzt wurde, wie im vorigen Jahr im Falle Salinger, ein zweiter Versuch unternommen, Lowry dem literarischen Deutschland bekannt zu machen, und es wäre verwunderlich und beschämend, schlüge auch er fehl – Ein Tag im November 1938: Allerseelen, in Spanien verlieren die Republikaner die Schlacht am Ebro, in der mexikanischen Stadt Quauhnahuac, zu Füßen des Popocatepetl, mischen sich in krassem Widerspruch Ausgelassenheit und Trauer, Totengedenken und Fiesta. Und hier trinkt sich der britische Ex-Konsul Geoffrey Firmin, von seiner Regierung einst auf diesen Posten abgeschoben, damit er weiter kein Unheil anrichten kann, dem gewittrigen Abend und seinem Tod entgegen: Weder der Bruder noch die Frau, die nach langer, für beide qualvoller Trennung wider Erwarten zu ihm zurückgekehrt ist, können es verhindern. Das; das Ende eines Säufers, ist die einfache Handlung; aber das eigentliche Drama spielt sich in der Seele des „Konsuls“ ab. Es ist die Frage, ob er die ihm gebotene, ja aufgedrängte Chance der Rettung wahrnehmen kann und will, oder ob er sich seinem Verderben überläßt. Erlösung und Verhängnis, Paradies oder Hölle, Berg oder Schlucht, Mexiko oder (als kühles, ordentliches, unkompliziertes Gegenbild) Kanada – auf vielen Ebenen durchziehen die Symbole dieser Alternative das Buch. Sie ist sein Thema, die Weltgeschichte sein Hintergrund und Mexiko nicht von ungefähr sein Ort.

Mexiko: Lowry sieht es, trotz langjährigen Aufenthalts, dort, mit dem verwunderten Blick des Fremden, des welterfahrenen Abkömmlings des britischen Empire, der sich nicht anbiedert, der keinen Versuch der Mimikry unternimmt. Die Hausboote auf dem Shalimar, die P. 81 O.-Linie, der Pazifik zwischen Guy Rock und dem Euphrosyne-Riff, die Myrrheninsel Sokotra im Arabischen Meer, Kap Komorin und der Golf von Siam – so heißen die Stationen im Leben des Konsuls, und nur ein britischer Autor kann sie mit solcher Selbstverständlichkeit ins Spiel bringen. Aber Mexiko, das ist hier vor allem das Land, welches ungewiß bleibt: unglaubhaft, fragwürdig, dunkel drohend und traurig selbst noch in seinen Festen. An der Straßengabelung kann man den Weg in drei Zivilisationen wählen. Die Polizei ist keine Polizei, sondern eine halbstaatliche Gangsterbande. Der Chef der öffentlichen Anlagen ist anders als sein harmloser Titel verspricht – nämlich der oberste Halunke. Traditionen, Völker, Rassen, Sprachen mischen sich – kaum ein Gespräch, das nicht in irgendeiner gebrochenen Sprache geführt werden müßte. Die Eisenbahnlinien beschreiben unsinnige Kurven und sehen aus wie tot – vielleicht sind sie es auch. Die Straßen sind ein Stück lang hochmodern, dann wieder voller mondkraterartiger Schlaglöcher, und schließlich verwandeln sie sich in Ziegenpfade. Das Funktionieren des Telephons ist Glückssache. Der elektrische Strom setzt auf rätselhafte Weise aus und nieder ein. In jedem Mauerriß kann ein Skorpion sitzen, an jedem Baum eine Schlange. Überall lauert die Verwilderung, allgegenwärtig ist der Tod, wie die Geier, die „Kopiloten des Todes“. Die alten Indiofrauen mit ihren ausdruckslosen Gesichtern: ‚,Vielleicht hatten sie sich an die Tage der Revolution im Tal erinnert, an die geschwärzten Häuser, die abgeschnittenen Verbindungen, die Gekreuzigten und Aufgespießten in der Stierkampfarena, die Straßenköter, die auf dem Marktplatz gebraten wurden. Ihre Gesichter wirkten nicht verhärtet, nicht grausam. Sie kannten den Tod besser als das Gesetz, und ihr Gedächtnis war lang.“ Ein anderer, ein fremder Planet, heißt es an anderer Stelle von Mexiko: „Aber es war ein schöner Planet, das ließ sich nicht leugnen – eine tödliche oder befreiende Schönheit, je nachdem, die Schönheit des Paradieses auf Erden.“ Schon seine alten aztekischen Namen formieren sich für Malcolm Lowry zu einer unwahrscheinlichen Litanei: Oaxaca, Tlaxcala, Quauhnahuac, Xiutepecanochtitlantehuantepec, Quintanarooroo, Tlacolula, Tlampan und die beiden Vulkane, der tätige Popocatepetl und der erloschene Iztaccihuatl.

Der Alkohol: schlecht wäre der Leser beraten, der von Lowry die Konfessionen eines Süchtigen im Stile etwa eines William S. Burroughs erwartete, zwar aus akutestem Leiden kommend, aber ohne Distanz niedergeschrieben und amorph. Gerade in der Beschreibung der verschiedensten Stadien der Trunkenheit herrscht bei Lowry hellste Präzision: wie sich der Konsul auf Flaschen und cantinas hin orientiert; wie er fast jederzeit überzeugt ist, nüchtern zu sein, aber sehr wohl weiß, daß es nicht der Fall ist; wie er beleidigt reagiert, hält ihn jemand für betrunken; wie er stolz ist auf seine Selbstbeherrschung und Standfestigkeit („ich habe der Versuchung mindestens zweieinhalb Minuten lang widerstanden: meine Rettung ist gesichert“); wie er in Larmoyanz verfällt, wenn er sein Recht auf den Alkohol angegriffen fühlt; wie er sich unablässig selbst betrügt, etwa indem er sich einredet, Bier, Whisky, Rum, Tequila zählten nicht, nichts zählte außer Mescal; wie er mit den verschiedenen geisterhaften „Vertrauten“, die sich dauernd, warnend oder beschwichtigend, zu Worte melden, Dialoge führt; wie sein Zeitgefühl gestört wird – in einem Augenblick scheinen Stunden vergangen zu sein, dann wieder setzt das Bewußtsein für Stunden aus, und es erscheint wie eine Minute; wie sich, kaum ist ein Glas geleert, die Perspektive verzerrt, der Blick trübt, bis die Ungeheuer des delirium tremens auf ihn einrücken, mit Krallen, Stacheln und Schnäbeln, die Insektenwelt eines Bosch oder Grünewald; die Halluzinationen und Sophistereien eines Trinkers, der sich um den einzigen, flüchtigen Idealzustand des Rausches bemüht, wo er sich im Gleichgewicht fühlt, einmal die lästige Nüchternheit ertränkend und dann wieder eine lästige Phase der Trunkenheit hinwegspülend, von einem „therapeutischen“ Drink zum nächsten lebend – all das ist mit wunderbarer Genauigkeit und Bewußtheit dargestellt, Nuance für Nuance, Minute für Minute.

Lowry ist dazu imstande, weil er dem Konsul am Ende nicht recht gibt, sondern denen (dem Bruder, der Frau), die sich vergeblich bemüht haben, ihn aus der Einsamkeit seiner Sucht heraus und wieder ins Leben zu rufen – obwohl sie, die seinen höllischen Verkehr nicht haben, sich in ihrer Gesundheit neben ihm zeitweise fast naiv ausnehmen. Sie schrecken zurück vor den alchimistischen Traktaten, die er um sich versammelt hat, um gelehrten Umgang mit seinen privaten Dämonen zu pflegen, sie verstehen nichts und wollen nichts verstehen, wenn er ihnen sagt, Hitler oder Franco gegen sich zu haben sei nichts gegen die universale Gegnerschaft der Elemente, sie wollen nichts wissen von seiner aus der Verfallenheit entwickelten Philosophie, wonach die Weltgeschichte ein blutiger Prozeß unbefugten Sicheinmischens ist, angetrieben von Neugier und Katastrophensucht, und folglich sich jeder besser um sich selbst kümmern und die anderen in Ruhe lassen sollte. Als er am Ende, von den Möglichkeiten der Rettung in die Enge getrieben (denn die Rettung müßte Nüchternheit heißen), sich „für die Hölle“ entscheidet und mit dem Ruf „mir gefällt die Hölle“ fort und in sein Verderben rennt, ist das nicht sein und Lowrys letztes Wort.

Vielmehr ergreift Lowry Partei gegen ihn, gegen jene, die ihren Garten verkommen lassen, die das Paradies verwüsten, die nicht stark genug sind, der Liebe, die sie fühlen, Wirklichkeit zu verleihen – in diesem Sinne handelt es sich zwar um keinen hoffnungsfrohen, aber auch um keinen „schwarzen“ Roman, um keine Rhapsodie auf das Böse, keinen luziferischen Abgesang. Selbst die marxistische Kritik brauchte das Buch nicht verloren zu geben – wird nicht der Konsul, der späte Sproß des zerfallenden Imperialismus, für seine ichbezogenen, obskurantistischen Neigungen reichlich bestraft, indem er einer quasi-faschistischen Militärclique und damit einem gesellschaftlichen Sachverhalt zum Opfer fällt, den zu bekämpfen er hochmütig unterlassen hat?

Hier nun erhebt sich die Frage, wie das Laster des Konsuls zu verstehen sei – nicht zu erklären (psychologische Motivationen werden genug angeführt), sondern im Zusammenhang des Buches zu verstehen. Handelt es sich, wie Nachwort und Klappentext suggerieren, um eine Analogie zu der im Wahnsinn rasenden Zeit – Delirium gegen Delirium?