Von Georg Zivier

In München ist alles robuster, muskulöser die Mannsbilder und deftiger die SchönheitIn, und selbst die Tauben im Münchner Gras sind stärker auf der Brust als unsere nördlichen Kummertauben. Apropos Schönheit: dieser Begriff ist in den deutschsprachigen Südländer nicht unbedingt an das „schöne“ Geschlecht geknüpft. Überall, wo es alpin zu werden anfängt, prahlen die Männer in kostümbetonter Hahnenpracht. Die Janker, die kurze Wichs, die rasengrünen Pantalons, die malerischen Hosenträger, die nickenden Gamsbartl oder Hahnenschwanzl am Hut, aber auch Miene und Haltung demonstrieren, daß die Männerwelt Bayerns und Österreichs viel Freude an sich selbst hat. Die Buam von 16 bis 60 sind gern schön, und man hat das Gefühl, daß Schönsein einen beträchtlichen Sektor in ihrem Gefühls- und Gedankenkreis einnimmt.

Natürlich: Es gibt an der Isar und an der Donau auch sehr viel Mausgraues, wie überall. Man sieht sogar in Schottland, dem Bayern Großbritanniens, erheblich mehr Kilts als in München Krachlederne. Aber für den Fremden, vor allem aus dem Ausland, ist die werktägliche Kostümgala der Männer sehr auffallend. Und der Hang zum Jux! Das Gebiet vor den Gleisen am Münchner Hauptbahnhof ist nicht nur beim Oktoberfest und beim Fasching voll von Figuren mit Pappnasen, mit clownhaften Miniaturhütchen, mit zebräisch gestreiften Hemden. Nein! Das geht so durch alle Jahreszeiten. Ein Rudel junger Leute, angetan mit schwarzer Melone, weinrotem Sakko, überlebensgroßen gelben Querbindern, durchwandert im Gänsemarsch die feinen Eßlokale zwischen Lenbachplatz und Ludwigstraße. Sie kommen, grinsen und ziehen weiter und haben so für ein paar Stunden ihre Humor-Beschäftigung. Man gönnt ihnen das Gaudi. Am Ende kommt dann doch die Reu, und die ist saudumm, wie einst anno Jugendstil ein Dichter sang.

Es gibt heute viele Städte mit „fließendem“ Straßenverkehr. In München ist der Verkehr strudelnd, das bockt und stockt an allen Ecken. Am Stachus, dem größten Verkehrshindernis Europas, scheint man alle Hoffnung, mit dem Wagen durchzukommen, aufgeben zu müssen. Aber schließlich geht’s doch. Seit Jahren schreiben jene, die es angeht, fast Woche für Woche über und gegen den Stachus. Das Gerade müßte berundigt, die Fußgängerschaft unterführt werden – ’s is scho recht! Aber alles bleibt, wie es ist, und so ist’s auch recht. Die Straßenbahnen haben einen wunderschönen blauweißen Anstrich, nur kann man sie fast nie benutzen, weil sie fast immer bis zum Überquellen voll ankommen. Eine U-Bahn oder eine Stadtbahn fehlt dieser Millionenstadt, die überdies fast zu allen Jahreszeiten von Hunderttausenden von Touristen prall voll ist, dringend. Sie soll nun in der Tat gebaut werden, die „Unterpflasterbahn“.

Aber Bier hat’s und Radi hat’s und Kalbschlegl und die herrlichsten Delikatessen aus aller Herren Länder in ausländisch geführten Gaststätten, bakanischen, italienischen, chinesischen und last not hast französischen in den beiden Häusern, die sich „La bonne Auberge“ titulieren. Das Hofbräuhaus ist der Größe nach fast eine Stadt für sich, eine Freß- und Saufstadt, in der täglich ganze Rinderherden und Schweinerudel mit Messer und Gabel zerlegt werden. Der Bierlu.3 ist der Menge nach kaum zu taxieren.

In Schwabing aber sitzen schon morgens auf dem Gestühl vor den Cafés und den Restaurants die Studiosen beiderlei Geschlechts bei der nassen Erfrischung. Die jungen Leute sträuben ihr pittoreskes Barthaar höchst weltanschaulich vor sich hin, und die entsprechenden Mädchen erscheinen in einer Unfrisiertheit, deren Arrangement möglicherweise viel Mühe kostet. So trotzt man heute gegen das Bürgerliche wie einst vor ein paar Jahrzehnten durch besonders scharfe Rasur und Bubikopf.

Geändert hat sich bei der Münchner Jugend nur das Stilgefühl, nicht aber der revolutionäre Charme, ja: Charme. Man meint es mit der rebellischen Allüre nicht böse, und die Polizei ist wirklich fehlgeleitet, wenn sie, wie es leider geschah, robust mit dem Knüppel dazwischenhaut.