Von Reinhard Baumgart

In die schöne utopische Sternkarte der zwanziger Jahre gehört auch der Name Siegfried Kracauer, damals Autor, Redakteur und Korrespondent der Frankfurter Zeitung. Irgendwo zwischen Tucholsky und Benjamin, zwischen Jacobsohn und Adorno war die Position und der Rang dieses Autors zu vermuten. Irgendwo, denn was in den letzten Jahren von Kracauer in Deutschland gedruckt wurde, ein Abriß des deutschen Films zwischen Cangeri und Hitler, eine Studie über Offenbach und seine Zeit, das war nach 1933 niedergeschrieben. Nur in umständlicher Brechung und grob spiegelte sich darin das Wesen und beherrschende Interesse dieses Mannes, kaum die Rastlosigkeit und Schärfe seiner zeitkritischen Tendenzen. So kommt ein Sammelband mit Essays aus seinen zwanziger Jahren wie eine Neuigkeit zu jedem, der ihn damals nicht gelesen hat – Aus der Frankfurter Zeitung stammt fast alles, was hier zusammengetragen und nachgedruckt wurde, und daß dieses Blatt nicht nur mit der heutigen Frankfurter Allgemeinen, sondern mit der gesamten Tagespresse der Bundesrepublik schlichtweg nichts mehr zu schaffen hat, zeigen schon erste Kostproben. Kracauers Anspruch an sich und sein Publikum nämlich greift so hoch, wie heute Tageszeitungen nicht mehr zielen. Seine kritischen Tendenzen wiederum, aus ungenau idealistischen Anfängen herkommend, doch gegen Ende des Jahrzehnts immer deutlicher sozialistisch, diese Tendenzen fänden heute in offiziellen Zeitungsspalten, auch wenn sie sich von Fall zu Fall zögernd oppositionell gebärden, bestenfalls noch ein gnädiges, sicher kein repräsentatives Unterkommen mehr.

Leider ist die Sammlung, statt schlicht chronologisch, mit Not und Mühe und nicht ohne preziösen Aufwand systematisch geordnet. Die Geschichte Kracauers in diesem für ihn bestimmenden Jahrzehnt wird dadurch verdeckt, doch läßt sie sich aus den immerhin datierten Arbeiten wieder rekonstruieren. Da zeigt sich dann, wie entschieden er immer genau gegen die jeweils herrschenden Tendenzen gedacht und geschrieben hat. Als linke Ideologie ihre Konjunktur erlebt, Anfang der zwanziger Jahre, glänzt seine Gesinnung und Methode noch von liberalem Idealismus. Beste deutsche Universitätsluft atmet man über diesen Aufsätzen ein, die etwa Max Weber oder Georg Simmel, aber auch, Musterfall einer formalsoziologischen Analyse, der "Gruppe als Ideenträger" gelten. Doch später, ausgerechnet parallel zur kurzen Wirtschaftsblüte, schärfer noch in der darauf folgenden Krise, treten die kritischen und utopischen, die linken Züge seines Denkens unverhohlen hervor.

Das Unscheinbarste, gerade die sozusagen niederen Manifestationen der Zeit, Photographie etwa, Reise, Filmwelt oder Tanz, gibt Anlaß zu weitausgreifender Überlegung, denn wie neben ihm Bloch oder Benjamin bewährt sich Kracauer vor allem als ein Indizienjäger im Alltag, entziffert aus seinem Staub und Flitter das Wesen und die geschichtliche Tendenz der Epoche. Was die Ladenmädchen im Kintopp träumen, wie die Society in den Bars tanzt, welche Bücher sich der Mittelstand ans frustrierte Herz drückt, das alles spricht für ihn genauso deutlich über die Zeit, ja, schärfer noch als die Werke von Max Weber oder das Wunschdenken des Tat-Kreises. Da das einzelne und aktuelle Detail aber immer nur als Indiz, erster Impuls für eine umfassende Diagnose der Zeit dient, verflüchtigt sich sein Geschmack genauso rasch, wie Kracauer zu immer höheren Abstraktionen fortschreitet. Süffig, bunt oder in einem nur vorlauten Sinn verwegen liest sich diese Zeitkritik nicht. Sie erfordert, was ihr eigenes Wesen ausmacht, auch vom Leser: Konzentration.

Im Stadion zum Beispiel – man schreibt erst das Jahr 1927 – beobachtet Kracauer die neue Mode der Freiübungen ornamentalbewegter Massen, Maschinentanz, streng anonym, und Zug um Zug liest er daraus den Zustand der kapitalistischen Gesellschaft, aber auch die Gefahr, daß solche Massengymnastik, zeitgenössisch ehrlich und zunächst noch leer, sich eines Tages aufwerfen könnte zur Kulthandlung eines falschen Mythos Noch schreibt man das Jahr 1927, noch fällt nicht der Begriff "Faschismus", doch sein Wesen ist hier, aus einem einzigen, genau gesehenen und durchdrungenen Zeitbild, schlagender bestimmt als in mancher aufwendigen Untersuchung.

Je älter die zwanziger Jahre werden, desto unerschrockener heftet sich so an kühl phänomenologische Analyse Engagement und Tendenz, ein geschichtsphilosophisches Pathos, das vorausblickt auf den vollständigen Menschen, jenseits von bloßer Natur und enger Rationalität, und damit auch auf eine Gesellschaft, die dem Menschen diese Vollständigkeit gönnt und garantiert.

Allerdings, handlich und greifbar sind solche Leitbilder nicht. Eine gewisse Zweideutigkeit nistet in jeder Kritik der gegenwärtigen Zivilisation. Nicht immer ist genau zu erraten, ob ihre Utopien zurück in verklärte Vergangenheit oder voraus in die Zukunft weisen. Auch Robert Jungks oder Günter Anders’ kritische Beschreibungen der technischen Welt sehen momentweise aus wie Maschinenstürmerei. Enzensbergers Analysen der Macht können gelegentlich wirken wie idyllischer Anarchismus. Sehnsucht, die zurückschweift in die gehabte Geschichte, ist eben leichter zu begreifen und zu fassen als jenes schwierige, luftige Prinzip Hoffnung, das Zukunft vorwegnimmt und sich auf nichts Reales berufen kann als auf sich selbst. Außerdem, die Anmaßung eines höheren geschichtsphilosophischen Standpunktes, in jeder Zeitkritik vorausgesetzt, kann durch den leisesten falschen Zungenschlag schon mißverstanden werden als Aristokratismus.