W. K., Regensburg

Blechtrommeln störten auf schändliche Art die weihevolle Ruhe des „Götterhimmels“. Dann enthüllten zwei schwarzgekleidete Herren eine Gipsbüste. Sie stellte den 35jährigen Schriftsteller Günter Grass dar.

Doch nur wenige Minuten thronte der „Blechtrommler“ neben dem Strahlenforscher Röntgen in der erlauchten Runde großer deutscher Geister aus zwei Jahrtausenden. Aufgeschreckt durch den Lärm, eilte der Verwalter der „Walhalla“ herbei und jagte die Scherzbolde aus dem geweihten Tempel.

Seit 1842, dem Jahr, in dem der Baumeister Leo von Klenze im Auftrage des romantischen Bayernkönigs Ludwig I. den Säulentempel auf dem Beuerberg bei Regensburg nach dem Vorbild des Parthenons von Athen „zur Erstarkung und Vermehrung deutschen Sinnes“ fertiggestellt hatte, war solcher Frevel nie geschehen. Die „rühmlich ausgezeichneten Teutschen“ (Ludwig I.) blickten in marmorner Blässe auf ihre Betrachter herab, ohne je in ihrer ehrfurchtgebietenden Ruhe gestört zu werden: denn, wer die walhallische Säulenhalle aufsucht, um den zentnerschweren Marmorköpfen seine Reverenz zu erweisen, betritt den steinernen Olymp in Filzpantoffeln und müht sich, jede Unterhaltung zu meiden.

116 große Deutsche, Germanenkönige und Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, Dichter und Denker, haben bereits im „Götterhimmel“ von Regensburg Platz gefunden. Konnte keine Büste aufgestellt werden, weil unbekannt war, wie der zu Ehrende aussah, wurde eine Gedenktafel aufgehängt. Deshalb finden sich neben den Marmorbüsten auch 66 solcher Tafeln.

Die Entscheidung darüber, wer in den Olymp an der Donau aufgenommen wird, trifft, seit es bayerische Könige nicht mehr gibt, der Staat – gegenwärtig der bayerische Ministerrat. Die königliche Stiftungsurkunde verlangt jedoch, daß mindestens 20 Jahre nach dem Tode eines großen Mannes vergangen sein müssen, ehe er Eingang in die kalte Pracht des klassizistischen Tempels finden kann. Für die künstlerische Gestaltung der Büsten zeichnet die Bayerische Akademie der Künste verantwortlich.

Es ist gar nicht so billig, in die Galerie zu kommen. Die Büste muß nämlich aus feinstem Carrara-Marmor sein. Der bayerische Staat aber kommt nur für die Kosten der feierlichen Enthüllung auf. Das bedeutet, daß mindestens 10 000 Mark vorhanden sein müssen, ehe Vereine oder Organisationen, die zum Gedenken an einen großen Deutschen gegründet wurden, den Antrag stellen können, daß ihr Held in die Walhalla aufgenommen wird.