Anläßlich der Buchmesse: zwei Umfragen der ZEIT

1. Was nicht untergehen sollte

Sechs Kritiker der ZEIT antworten auf die Frage:

Ist Ihnen unter den Büchern dieses Herbstes eins aufgefallen, von dem Sie befürchten, daß es nicht die verdiente Anerkennung findet und unrühmlich untergeht? Würden Sie es kurz vorstellen?

Reinhard Baumgart:

Nützt es, wenn jemand nur dringend pocht auf irgendein leider konjunkturuntüchtiges Buch? Sollte er nicht im gleichen Atemzuge warnen vor allen Büchern, denen es in diesem Jahr so offensichtlich allzu gut geht, deren viel zu langer Schatten viel zuviel verdunkelt? Ich jedenfalls mißtraue auch hier allem Darwinismus, jeder Auslese und jedem Recht des Stärkeren. Außerdem: jeder Bestseller bringt Ansprüche an die Literatur in Umlauf, Mißverständnisse, Hoffnungen, Vorurteile, die nicht nur in dieser, die noch in jeder künftigen Saison allem anderen und Schwierigeren die Luft zum Atmen im voraus stehlen.

Doch um ein Buch, im Frühjahr erschienen, scheint es still zu bleiben aus anderen Gründen. Ich meine „Die steinerne Welt“, Erzählungen des Polen Tadeusz Borowski (Piper). Ihr Unglück ist es, daß sie genau dort hinschauen, wohin kaum jemand ungezwungen zurückschauen möchte: ins Warschauer Ghetto und die Konzentrationslager im Osten. So genau übrigens, daß Borowski auch in der DDR strikt unerwünscht bleibt. Denn er berichtet aus einer Welt, in der die Helden endgültig abhanden gekommen sind, die sogar gegen unser nachträgliches und wohlfeiles Mitleid gefeit ist. Die schönen und darum schon beschönigenden Mittel der erzählerischen Kunst, Borowski versagen sie unter der Hand. Ratlos, faktisch wie Protokoll, nennt er nur das, was gewesen ist, Stunde um Stunde, in Harmence, Auschwitz, Birkenau, Freizeitgestaltung und Vernichtungsbetrieb nämlich, Hand in Hand, Mord und Puff hinter einem Stacheldraht, Mörder und Opfer zum Verwechseln unkenntlich geworden. Eine leise, ohrenbetäubende Stimme spricht aus diesen Erzählungen, die längst keine mehr sind. Das genaue Hinsehen, Erinnern, Aussprechen war offenbar alles, was die Humanität ihrer eigenen Vernichtung noch abringen konnte.