Von Arnulf Baring

Wer heute in Prag Deutschland kennenzulernen versucht, wer deutsche Zeitungen lesen, deutsche Bücher kaufen, wer Ausstellungen besuchen, Dichterlesungen oder Konzerte hören will, der ist vor allem auf das „Kultur- und Informationszentrum der DDR“ angewiesen.

Dieses Kulturzentrum liegt in einem Eckhaus der belebten Narodni trida in der Prager Neustadt und hat ein großes Buchgeschäft, eine Musikalienhandlung, eine kunstgewerbliche Abteilung, einen Lesesaal, Ausstellungs- und Vortragsräume. Die gepflegten, meist älteren Damen, die die Besucher im Buchladen beraten sollen, sind von großer Liebenswürdigkeit. Ich achte darauf, was man so kauft: Thomas Mann, Brecht, Klassiker-Ausgaben, entzückende Kinderbücher, Lexika; viel Fachliteratur. Die Schriften sind billig, billiger als in der DDR, da für Bücher zwischen den Ostblockstaaten ein besonderer Umrechnungskurs gilt.

Schlimm ist freilich, was man alles nicht kaufen kann, was hier ebenso wie in der DDR totgeschwiegen wird. Außer primitiven Propagandaschriften findet man nichts über die Bundesrepublik. Wissenschaftliche Darstellungen der neueren Geschichte und Zeitgeschichte fehlen. Kein einziger Titel der westdeutschen Gegenwartsliteratur ist vorhanden. Nur aus dem 1962 in Weimar erschienenen „Deutschen Schriftstellerlexikon“ kann man überhaupt erfahren, daß es Autoren wie Enzensberger, Gaiser, Grass oder Walser gibt und was sie geschrieben haben. Uwe Johnson sucht man freilich auch hier vergebens.

In den Fenstern, in denen für die Leipziger Messe geworben und die ostdeutsche Unterzeichnung des Atomstopp-Abkommens gefeiert wird, hängt auch das Monatsprogramm des Zentrums: Fritz Rudolph soll einen Lichtbildervortrag über die DDR-Anden-Feuerland-Expedition, halten. Chefredakteur Heinz Ho ff mann wird über „Moderne Tanzmusik in der DDR und in der Bundesrepublik“, Dr. Königer aus Leipzig über die „Politik der beiden deutschen Staaten 25 Jahre nach München“ sprechen. Das Fernsehlustspiel „Zirkusleben“, der Defa-Film „Das zweite Gleis“ und ein Jazzkonzert des deutsch-tschechischen Studenten-Orchesters Prag–Berlin werden angekündigt. Der Präsident der Ostberliner Akademie der Künste, Willi Bredel, und der stellvertretende Vorsitzende des DDR-Volkswirtschaftsrates, Fritz Selbmann, (als „Antifaschist, Wirtschaftsfunktionär und Schriftsteller“ vorgestellt) sollen aus ihrem „Leben und Werk“ berichten. Ich besorge mir eine Eintrittskarte für den Abend mit Selbmann.

Ich komme zu spät, Selbmann liest schon. Er hat nur etwa 25 Zuhörer. Der Mann ist alt geworden. Grauhaarig und etwas vornübergebeugt liest er langsam und mit schwerer Stimme aus seinem Erinnerungsbuch „Die lange Nacht“, einer Schilderung seiner zwölfjährigen Haftzeit in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Seine Sprache ist einfach, kunstlos, er braucht oft abgegriffene Formulierungen – aber wie er da so sitzt und liest, ist er sehr eindrucksvoll und nötigt mir Achtung ab: Er arbeitet für eine Sache, die nicht die meine ist, aber dieser Mann hat Überzeugungen, für die er auch eingetreten ist, als dies ihm Verfolgung, Qualen und beinahe den Tod brachte.

Die Zuhörer sind größtenteils ehemalige Mithäftlinge Selbmanns, und ihre Fragen in der Diskussion gelten anderen Lagerinsassen, gelten den Ereignissen damals. Aber dann fragt plötzlich jemand nach der Mauer: „Fritz, erkläre uns doch mal, was das mit der Mauer ist. Wir hören immer, daß auch jetzt noch Menschen von euch weg zu fliehen versuchen.“