Hamburg

Über die Elbbrücken und durch den Industrievorort Harburg fährt von Hamburg aus, wer ins Alte Land will. Zweimal im Jahr ist die Gegend das Ziel Hamburger Ausflügler: Wenn die Obstbäume blühen, und wenn die Früchte geerntet werden. Denn diese Landschaft zwischen Hamburg und Stade ist ein riesiger Obstgarten. Königreich, Jork, Francop und Hove heißen die Dörfer in die die Hamburger fahren, die beim Erzeuger ihr Obst zum Einmachen und für die Apfelkammer einkaufen wollen.

Die Obstbauern hier sind wohlhabende Leute, und das nicht erst, seitdem planmäßig und nach wissenschaftlicher Forschung gearbeitet wird. Die großartigen Fachwerkhäuser stammen fast alle aus Zeiten, wo es Marktforschung und Einrichtungen wie die Jorker Obstbauversuchsanstalt noch nicht gab, wo man die Äpfel noch nahm wie sie eben waren.

Typisch für die Dörfer im Alten Land sind hohe, weiße Ziertore aus Holz mit buntbemalter Schnitzerei, ist dickpolstriger Wiesenboden in den Obstgärten, sind Gräben, die die Plantagen in große Vierecke teilen. Typisch sind auch dichtgeraffte weiße Gardinen hinter den vielen Fenstern der großen Häuser, die als Ausweis von Wohlstand und hausfraulicher Säuberlichkeit eine große Rolle spielen. Um noch mehr Tüll noch üppiger hinzuraffen, hat mancher Hausbesitzer eins der modernen, breiten Blumenfenster ins alte Haus brechen lassen – Schaufenster fürs Wohnzimmer. Die meisten Häuser aber blieben wie sie seit Jahrhunderten waren. Denn hier ist man reich und nicht neureich, man pflegt das Alte. Im Alten Land muß es sich lohnen, mit Ölfarbe zu handeln: Kaum ein Haus hat nicht ausgedehntes Fachwerk bis zum hohen Giebel hinauf, und alles glänzt frisch und weiß.

Zur Zeit allerdings wird nichts an den Häusern getan. Wer irgend arbeiten kann, ist in den Bäumen. Der Besucher fährt die Straße entlang, die überall begrenzt ist von Gärten, in denen die Bäume dicht und in schnurgeraden Reihen im saftigen Gras stehen. Da leuchtet an manchen Strecken jetzt mehr Rotes als Grünes. „Das ist die Ingrid Marie“, sagt ein Obstbauer, „die hat uns wahrhaftig überrascht dieses Jahr.“ Ingrid Marie ist eine der Apfelsorten, die die Konsumenten jetzt schätzen. Vor drei Jahren begann man, sie hier anzubauen. Im vorigen Jahr erntete man schon 50 000 Doppelzentner von diesen Bäumen, in diesem das Dreifache. Für junge Bäume ist das gewaltig. Im siebten oder achten Jahr erst ist der volle Ertrag zu erwarten. Ingrid Marie berechtigt also zu schönsten Hoffnungen. Cox Orange und James Grieve heißen die anderen Äpfel, die für das Alte Land ziemlich neu sind. 250 000 und 120 000 Doppelzentner dieser Sorten sind oder waren jetzt auf den Bäumen.

Immerhin – noch haben die Modeäpfel die alten Sorten nicht verdrängt. Horneburger gibt es weiter in Massen (375 000 Doppelzentner) und ebenso den rauhen, grünbraunen alten von Boskop (350 000 Doppelzentner).

Im ganzen erntet man im Alten Land dieses Jahr zweieinhalb Millionen Doppelzentner Äpfel. Den Städter schwindelt’s bei diesen Zahlen. Der Bauer nimmt sie gelassen. Denn: eine Rekordernte sei dieses nicht. „Wir haben nirgendwo Stützen gebraucht.“ Die Bäume tragen die Last selbst. Was von der Straße her aussieht wie schräge Latten, die überall, bis tief in die Obstgärten hinein, unter den Bäumen stehen, sind Leitern, Leitern, Leitern. Und unter den Bäumen stapeln sich Kisten. Kisten werden in Blöcken, so groß wie Wochenendhäuer, auf Anhängern durch die Dörfer gefahren. Zufrieden sitzt vorn der Apfelbauer auf seinem Trecker. Bis Ende Oktober muß alles fertig sein, „dann wird es handkalt“ und das Pflücken ist dann kein Spaß mehr. Jetzt aber gibt es Pflücker genug.