Geburtstagsgruß an einen bekannten Unbekannten

Die verschrobenen Sektierer oder selbstzufriedenen Einzelgänger, die man die Stillen im Lande nennt, sind mit Recht in Verruf geraten. Wer heute etwa über den einfältigen Matthias Claudius oder über den zwiespältigen Adalbert Stifter schreibt, ist in der Regel ein Flüchtling aus der Aktualität, und dieses Typs ist man so überdrüssig wie seines Gegentyps: des diskussions- und kontaktfrohen Kommunizierers, der sich auf Kongressen und Streitgesprächen zur Geltung bringt. Einen Sonderfall aber stellt der Autor dar, der just über jene, zeitfernen Dichter geschrieben hat und der daneben in ganz anderer, denkbar aktueller Form in Teile der deutschen Öffentlichkeit hineinwirkt. Ein Sonderfall auch insofern, als er – ohne erfindlichen Grund – sich weigert, aus der Ano- oder Pseudonymität herauszutreten, in der allein er sich wohl zu fühlen scheint.

Der unzeitgemäße Anagrammatiker Urban Roedl hat dem alten Claudius viele Freunde gewonnen, und seine Stifter-Biographie hat schon in den dreißiger Jahren die Bahn für ein besseres Verständnis dieses problematischen Dichters gebrochen. Der zeitgemäße Ungenannte hingegen wendet sich seit vielen Jahren über den Londoner Rundfunk an den deutschen Hörer nicht in Kommentaren und Vorträgen, sondern indem er vorgibt, gerade jene Menschen sprechen zu lassen, die er informieren und zur Besinnung bringen will: von Schauspielern verkörperte, erfundene und doch echte Figuren. Ein dialektischer Trick also. Das begann im Krieg, als eine einfache Berlinerin ihrem Publikum, Freunden wie Fremden,mit doppelzüngiger Suada Trost und Hoffnung zusprach. Nur Mut, es wird schon schiefgehen – das etwa war ihre Parole. Ihr folgte das beliebte Nazipaar Kurt und Willi, das Woche um Woche die internen Probleme der Partei und der Kriegführung bekakelte und im Goebbelschen Ministerium ebenso aufmerksam abgehört wurde wie in der kommunistischen Führerschule in Kujbischew, die der jetzige DDR-Minister Wandel leitete. (Mit anderer Tendenz ist das Programm von RIAS und sogar von der Moskauer deutschen Sendung nachgeahmt worden.) Übrigens geht dieser Dialog weiter; jetzt sind es allerdings zwei gutgelaunte Funktionäre der SED, die sich über ihre Sorgen unterhalten.

Also kalter Krieg? Propaganda? Nichts anderes wird da propagiert als Menschlichkeit, Anstand, Vernunft. Wer nun fragt, was das mit Literatur zu tun habe, sei auf den englischen Chronisten verwiesen, der sein Gehör für die Quellen dieser Sprache bewies, als er in seinem Buch „Voices in the Darkness“ bemerkte: The spirit of this strident slang derives from German poetry not less than from the Berlin working class.

Ein engagierter Literat also. Zum Engagement hat er sich auf seine Art bereits in jenen dreißiger Jahren bekannt, als er gegen den Ungeist von damals nicht mit fruchtlosen Polemiken protestierte, sondern eben mit seinen literaturgeschichtlichen Biographien, die den Gegensatz zu einer Gegenwart betonten, „welche die Fülle ihrer Vergangenheit zur Hülle fragwürdiger Tagwichtigkeiten mißbraucht“.

Der populäre Unbekannte, der in England als Mitarbeiter kritischer Zeitschriften und als Vortragender an Universitäten und Akademien wirkt, ohne ein Aufhebens von seiner Tätigkeit zu machen, ist dem kulturindustriellen Betrieb herzlich abgeneigt. Wenn ein Zeitgenosse einmal von Stifter gesagt hat, daß er den Dichter schon wegen seiner konsequenten Absonderung vom Literaturpöbel schätze, gilt das auch für den Stifter-Biographen. Urban Roedl, jugendlich und arbeitsam, wird in diesen Tagen 75 Jahre alt. Feierlichkeiten und Würdigungen geht er zwar lieber aus dem Weg; aber ausnahmsweise möge er diesen Geburtstag als Anlaß gelten lassen, daß seiner einmal öffentlich gedacht wird. W. Bernhard