R. S., Bonn, im Oktober

Vor einer Woche strahlte das Zweite Fernsehen eine interessante, aber zunächst unbeachtet gebliebene Meldung aus. Es war ein kurzer Ausschnitt aus einem Interview mit dem Bundeskanzler, das in voller Länge erst am 15. Oktober, dem Rücktrittstage Adenauers, gesendet werden soll. In diesem vorweggenommenen Interview-Ausschnitt sagte der Kanzler, er habe im Jahre 1962 an Ministerpräsident Chruschtschow einen Brief geschrieben, in welchem „er ihm in der deutschen Frage einen zehnjährigen Burgfrieden vorgeschlagen habe. Während dieser Zeit sollte den Menschen in der Zone größere Freiheit gewährt werden. Nach zehn Jahren sollten sie dann frei abstimmen, ob sie das Regime beibehalten wollten oder nicht. Auf diesen Brief habe Chruschtschow nie geantwortet.

Schon wenige Tage später aber sah die Sache anders aus. Man erfuhr, daß es kein Brief war, den der Kanzler an Chruschtschow geschickt hatte, sondern eine persönliche Botschaft, die er in einem Gespräch mit Botschafter Smirnow dargelegt hatte. Man erfuhr weiter, daß entgegen der Darstellung in dem Interview eine Antwort Chruschtschows gekommen sei, und zwar auf dem gleichen Wege, nämlich über Smirnow. Das geschah etwa drei Wochen später. Die Antwort soll völlig negativ gewesen sein. Ein Burgfrieden und eine spätere Abstimmung kämen nicht in Betracht, sondern nur ein, und zwar sofort abzuschließender Friedensvertrag mit den beiden deutschen Staaten. Daraufhin lehnte der Kanzler die Fortsetzung des Gesprächs als sinnlos ab.

Sehr viel später – es war schon gegen Ende der Regierungszeit Adenauers – kam Smirnow, vermutlich angeregt durch ein Gespräch mit dem früheren Botschafter Kroll, auf die Initiative Adenauers noch einmal zurück, ohne freilich im grundsätzlichen eine Sinnesänderung erkennen zu lassen. Der Kanzler wollte sich in diesem letzten Stadium seiner Amtszeit nicht mehr in eine solche Aktion einlassen, die auf jeden Fall in die Regierungszeit seines Nachfolgers hineingereicht hätte.

Im Auswärtigen Amt war man über den Vorgang nicht, jedenfalls nicht rechtzeitig informiert. Die Alliierten dagegen sollen unterrichtet worden sein. Wer von ihnen dabei etwas und wieviel erfahren hat, ist nicht bekannt. Die Parteien waren erstaunt darüber, daß das Geheimnis so spät gelüftet wurde. Die Opposition will den Fall im Außenpolitischen Ausschuß zur Sprache bringen. Die Union freilich fand – nach einigem Zögern – die Deutung: da sähe man, so verkündete sie, wie sehr sich der Kanzler um eine Humanisierung der Verhältnisse in der Zone bemüht habe und wie sehr der Vorwurf, es habe seit jeher an einer Bonner Initiative in der deutschen Frage gefehlt, unberechtigt sei. Wenn der Kanzler jetzt vor zu großen Entspannungshoffnungen warne, tue er das wohl nicht zuletzt auf Grund seiner Erfahrung, die er auch bei jener Fühlungnahme mit Chruschtschow gemacht habe.