Eine schwere Bürde für Erhard und Schröder

Von Theo Sommer

Zehn Tage, ehe er aus dem Amte scheidet, ließ Bundeskanzler Adenauer seine Hammer-Schläge noch einmal mit wuchtigem Dröhnen auf jenen Amboß fallen, der ihm seit jeher der liebste war: den außenpolitischen. Das Werkstück, das er bearbeitete, schien freilich aus einer Sorte Dulles-Spezialstahl gefertigt, der lange aus der Mode gekommen ist. Auch wollte es in seiner gediegenen Starrheit wenig überzeugend wirken, denn zugleich ließ der heute so entspannungsfeindliche Kanzler durchblicken, daß er vor einem Jahr, mit seinem mysteriösen Burgfriedens-Angebot an den Kreml, höchstselbst ein anderes, flexibleres Eisen ins Feuer geschoben hatte. So blieb nach dem Gedröhn bloß Verwirrung zurück. Und die Erkenntnis, daß die Bonner Außenpolitik nie so zweideutig gewesen ist wie jetzt, am Ausgang der Ära Adenauer.

Es ist in jüngster Zeit von Monat zu Monat klarer geworden, daß die CDU/CSU auf außenpolitischem Felde zum Selbstversorger wird: sie macht sich ihre Opposition selber, die Sozialdemokraten braucht sie dazu gar nicht mehr. Bei der Debatte über den Beitritt der Bundesrepublik zum Moskauer Atomstopp-Abkommen’ wurde zum ersten Mal sichtbar, wie tief die Regierungspartei schon gespalten ist. Was damals jedoch vage erscheinen und als eher private Verschwörung der Herren von Brentano und Strauß gegen den Bundesaußenminister abgetan werden mochte, hat inzwischen scharfe Konturen gewonnen. Konrad Adenauer hat sich letzte Woche an die Spitze der Fronde gestellt. Und damit bekommt die Sache der Anti-Entspannungspolitiker unversehens ein neues Gesicht – und Gewicht. Der Streit um die Weizenlieferungen an Rußland ist dabei nur der vordergründige Ausdruck tiefsitzender Meinungsverschiedenheiten.

Der dramatische Dialog

Das politische Hin und Her der letzten Tage wirkt bestürzend genug, weil es die deutsche Außenpolitik aller Einheitlichkeit und mithin aller Glaubwürdigkeit entkleidet. Was soll man schon, hierzulande und jenseits der Grenzen, von dem dramatischen Dialog zwischen Schröder und Adenauer halten?

Der Außenminister plädiert für eine "Politik der Bewegung"; er argumentiert, der Status quo lasse sich nicht durch Stillstand verändern; er steht nicht an, die schmerzhafte Frage zu stellen, was denn mit der bisherigen Politik in der deutschen Sache erreicht worden sei; und er lehnt das aus "nationalpolitischer Sorge" motivierte "starre Festungsdenken" schlichtweg ab, weil er weiß, daß sich die Bundesrepublik damit in einer gewandelten Weltszenerie nicht mehr wird durchsetzen können. Zugleich sucht Schröder nicht nur Rückhalt in Paris, sondern fortdauernde enge Anlehnung an die Vereinigten Staaten, und bei aller Skepsis gegenüber den Details sieht er den Entspannungs-Trend der Ost-West-Gespräche nicht als unheilvoll an; er will mitwirken, um mitreden zu können. Für den Euro-Gaullismus mancher seiner Fraktionskollegen hat er ebensowenig übrig wie für die weltpolitische Abseitsstellung Frankreichs.