Th. K., Washington

Die innenpolitische Krise in Südvietnam hat ein Kriseln innerhalb der Kennedy-Administration bewirkt. Der schon mehr als einmal umstrittene amerikanische Geheimdienst, die Central Intelligence Agency (CIA) ist wieder einmal in einem Machtkampf von Politikern und Militärs geraten. Noch spielt er sich in mittleren Rängen ab und auf Außenposten wie Saigon. Das Einvernehmen zwischen Pentagon und State Department ist nicht sichtbar gestört. Der CIA-Chef John McCone jedoch scheint über die Auswirkungen des Kompetenzenstreites, der in Saison zwischen Botschafter Lodge, General Harkens und dem CIA-Beauftragten für Südvietnam, Richardson, ausgetragen wird, einiges Unbehagen zu empfinden.

Präsident Kennedy entsandte seine beiden höchsten militärischen Mitarbeiter, Verteidigungsminister McNamara und Generalstabschef Taylor nach Südvietnam, um ein zuverlässiges Bild von der Lage zu erhalten. Die Sondermission der beiden hochbefähigten Männer hat die allgemeine Verwirrung indessen bisher nicht behoben. Nach wie vor gibt es. widersprechende Diagnosen und Therapievorschläge für den Patienten Vietnam. In Washington, vor allem im Kongreß, wächst die Kritik am Präsidenten, dem vorgeworfen wird, er versuche, Unvereinbares zu vereinbaren.

Als unvereinbar stellt sich zunächst heraus, den Krieg gegen die Kommunisten nach außen gewinnen zu wollen und gleichzeitig die Kontrolle über die innere Ordnung des verteidigten Gebietes aus der Hand zu geben. Kennedy hatte zunächst das Diem-Nhu-Regime öffentlich scharf verurteilt. Damit gab er dem politischen Aspekt des Vietnam-Problems Priorität. Nachdem der Versuch, dieses Regime zur Raison zu bringen oder zu stürzen, mißlungen war, zog sich der Präsident der Vereinigten Staaten auf eine militärische Betrachtungsweise zurück. Entscheidend sei, daß der Krieg gegen die Kommunisten gewonnen werde. Nach der Berichterstattung McNamaras und Taylors erklärte das Weiße Haus, bis Ende 1965 könnte die Masse der in Südvietnam eingesetzten Amerikaner zurückgekehrt sein: dann nämlich werde der Kampf gewonnen sein.

Unvereinbar ist ferner, so sagen die Kritiker Kennedys, daß der Geheimdienst auf kritischen Gebieten der amerikanischen Außenpolitik aktiv tätig wird, während dort gleichzeitig amerikanische Streitkräfte operieren und amerikanische Diplomaten Lösungen suchen. Zumindest müßten die CIA-Operationen koordiniert sein, die Arbeit politischer und militärischer Repräsentanten Washingtons nicht durchkreuzen und in Kenntnis und mit Billigung des Präsidenten ausgeführt werden. Bisher unterstellt keiner dem anderen und niemand dem Geheimdienst böse Absichten. Aber die Berichte aus Saigon mehren sich, wonach eine allzu enge Zusammenarbeit zwischen CIA und der Familie Nhu das Ansehen der Vereinigten Staaten ins Zwielicht gebracht habe. Mit CIA-Instrukteuren und CIA-Geldern seien jene Sondereinheiten aufgebaut worden, heißt es, die die Terroraktionen gegen die Buddhisten ausführten. Während Botschafter Lodge öffentlich die Nhu-Familie scharf tadle, und während General Harkins auf die Loyalität buddhistischer Soldaten und der überwiegend buddhistischen Bevölkerung angewiesen sei, liefere der CIA dem Regime das Instrument zur Unterdrückung.

Alte Empfindlichkeiten in Washington scheinen wieder spürbar zu werden. Die unrühmliche und fatale Rolle, die der Geheimdienst bei der Kuba-Invasion 1961 spielte,, kommt in Erinnerung. Abermals wird gefordert, der CIA möge sich auf das Beschaffen, Sammeln und Auswerten von Informationen beschränken. Der Präsident wird getadelt, weil der Geheimdienst offenbar noch immer über Mittel verfügt, um aktiv Politik zu machen. Hierbei spielen auch die neuesten Rückschläge in Lateinamerika eine Rolle. Kongreß und Öffentlichkeit blicken mit spürbarer Ungeduld aufs Weiße Haus. Man will sich nicht mit der Parole zufrieden geben: 1965 wird alles gut sein.