Wer die „Hundejahre“ kauft, bekommt als Zugabe zum Roman noch gratis ein Werk der bildenden Kunst mitgeliefert, die eigenhändige Malerei eines Künstlers, dessen Zeichnungen häufig in Galerien ausgestellt sind und der Günter Grass heißt. Das monströse Krallentier, das sich von der Hinterseite des Buchumschlags nach vorn redet, sich bösartig zwischen Verfassernamen und Titel ausbreitet und ins Leere greift und bläfft, gibt dem Leser einen kräftigen Vorgeschmack von dem, was ihn erwartet.

Der Fall, daß der Autor selber den Schutzumschlag für sein Opus entwirft, ist selten – normalerweise muß der Entwerfer erst einmal den möglicherweise dickleibigen Wälzer lesen oder anlesen, durchblättern, um die literarische Quintessenz ins Bild, ins Zeichen zu transponieren. Ob ihm das und wie weit ihm das gelingt, entscheidet über den Wert seiner Arbeit, sollte Zum mindesten darüber entscheiden, soweit nicht nackte Werbung, Käuferfang um jeden Preis das Gesicht des Buchumschlages bestimmen.

Das Katzentier, das über die schwarzen Tasten einer um das ganze Buch herumlaufenden Klaviatur streicht, trifft entschieden den Ton der „11 ungewöhnlichen Geschichten“ von Roald Dahl („Küßchen, Küßchen“, Entwurf von Werner Rebhuhn). Die Rebhuhnsche Katze ist zoologisch prägnanter definiert als Grass’ Hundemonstrum, aber sie besitzt unbedingt die grotesk surrealen Züge, die dem Stil des Autors entsprechen. Symbolisch oder real, grotesk karikiert oder naturgetreu – immer ist das Tier auf dem Umschlag ein attraktiver Blickfang. Der „Reineke Fuchs“ von Janosch (Pseudonym für Horst Eckert) informiert den Leser auf den ersten Blick, daß es sich hier nur um eine Ausgabe für Kinder handeln kann. Das ist ein Fudis, der die Gans gestohlen hat, nicht der Reineke von Goethe. (Der Umschlag wurde bei dem Wettbewerb „Der werbende Umschlag des Jahres 1962“ in der Sparte Jugend- und Kinderbuch prämiiert!)

Den echten Reineke Fuchs dagegen, nur für Erwachsene, in einer bibliophilen Liebhaberausgabe, wollte Kurt Steimel in seinen Lithographien demonstrieren (das Buch gehört nach Ansicht einer anderen sachverständigen Jury zu den „Schönsten Büchern des Jahres 1962“). Eine hübsche und gekonnte Tierzeichnung, nur daß sie weder mit Goethe noch mit der Reineke-Parabel, noch mit 1962 das geringste zu tun hat.

Der Buchumschlag, dieser seltsame Zwitter aus Literatur und Bild, Kunst und Geschäft, macht seine laute oder dezente Aussage nicht nur über den Inhalt des Buches, sondern auch über die Zeit, in der es geschrieben oder in der es verlegt wurde. Man kann, mit einem gewissen Spielraum, das Erscheinungsjahr, mindestens das Erscheinungsjahrfünft von ihm ablesen. Ein Tierbeispiel aus einer doch schon reichlich tiefen Vergangenheit: der Wolfsrachen, den E. R. Weiß für Falladas „Wolf unter Wölfen“ gezeichnet hat. Eine brillante Zeichnung von 1937, für 1937. Es geht nicht darum, ob das Hundemonstrum von Günter Grass besser gezeichnet ist. Aber es besitzt die Marke 1963. Auf eine amüsamte, eindrucksvolle, exemplarische Weise stimmen die Proportionen, zeitlich, literarisch und bildnerisch, Fallada verhält sich zu Günter Grass (dem Autor) wie E. R. Weiß zu Grass, dem Buchgestalter

Was aber fängt der Konsument, der Buchkäufer, der Leser mit diesem mehr oder minder bedeutenden Kunstwerk an, mit dem der Verleger ihn beschenkt? Vielleicht wird der Umschlag zu den „Hundejahren“, falls der Leser es überhaupt merkt, daß ihn der Autor persönlich entworfen hat, nicht da enden, wo Schutzumschläge zu enden pflegen: im Papierkorb. Auch künstlerische oder künstlerisch ambitionierte Papierhüllen überstehen nur selten die erste Lektüre. In der Wohnung, in der Intimsphäre, in der eigenen Bibliothek sind sie unerwünscht, zu bunt, zu reißerisch, außerdem sind sie nach kurzem Gebrauch unansehnlich. Wer sich für den literarischen Inhalt interessiert, nimmt höchstens an der schlechten Verpackung Anstoß, die gute bemerkt er nicht.

Und der Bibliophile schließt den Umschlag, der ja kein Bestandteil des Buches ist, nicht in seine Sammelliebe ein. Der Schutzumschlag, erklärte der Bibliophile Sir Henry McAnally 1932, sei in jeder Hinsicht ein Emporkömmling, der noch nicht gesellschaftsfähig geworden sei. Aber schon zehn Jahre vorher hatte immerhin das Britische Museum angefangen, Buchumschläge systematisch zu sammeln. In Deutschland gibt es bereits einige große Privatsammlungen, darunter die des Buchhändlers Dr. Curt Tillmann in Mannheim, und vielleicht kommt das Sammeln von Buchumschlägen noch einmal genauso in Mode wie das Sammeln von Plakaten.