Von Martin Wieland

London, im Oktober

Der Labour-Abgeordnete Richard Crossman fragte Harold Wilson zu Beginn des Kampfes um die Gaitskell-Nachfolge, warum er sich eigentlich berechtigt fühle, gewählt zu werden – welche besondere Leistung das Land und die Partei gerade von ihm erwarten könnten. Zu Crossmans Erstaunen hatte Wilson sofort die Antwort parat. „Ich würde versuchen“, sagte er, „die Energien der Wissenschaftler und Technologen freizusetzen.“

Es ist möglich, daß Dienstag, der 1. Oktober 1963, von der britischen Labour-Partei in Zukunft als ein historischer Tag gefeiert werden wird; und wenn alles so geht, wie es an jenem Tag in Scarborough schien, wird es ein historisches Datum für Großbritannien werden. An jenem Tag hielt Wilson die Schlüsselrede des sozialistischen Parteitages, und es war wirklich, als ob er einen Schlüssel in einem Schloß umdrehte, als ob er die Tür zur wissenschaftlichen und technologischen Zukunft aufstieße. Ob es echte Magie war, oder bloß die Pfiffigkeit eines parteipolitischen Zauberkünstlers, wird sich herausstellen, wenn er Premierminister wird, was durch diesen Parteitag gewiß wahrscheinlicher geworden ist. Aber ob Magie oder nur der Trick eines Illusionisten, es wird nur wenige Delegierte in dem großen Ballsaal von Scarborough gegeben haben und nur wenige Journalisten, die sich dem Eindruck entziehen konnten, einen wirklichen Wendepunkt erlebt zu haben.

Gegen die Kritik der Parteiexekutive, trotz der Skepsis selbst seiner treuesten Getreuen im Schattenkabinett beschloß Wilson sofort nach seiner Wahl zum Leader, die Partei in diese Richtung mitzureißen. Unter der besonderen Verantwortung Richard Crossmans arbeiteten Ausschüsse mit so bedeutenden Spezialisten wie dem großen Physiker und Nobelpreisträger Patrick Blackett und dem Rektor des Manchester College für Technologie, Dr. Bowden, einen Aufriß der technologischen Zukunft und einen entsprechenden Aktionsplan für den künftigen Regierungschef aus. Für die vielen Eingeweihten war es also kein Geheimnis, daß Wilson in Scarborough gerade dieses Thema anschlagen würde.

Sein Thema war ausschließlich neuer Sozialismus im Zeitalter der Automation. Wie er selbst sagte: „Wenn es früher keine Argumente für den Sozialismus gegeben hätte, die Automation hätte diese Argumente geschaffen.“ Die alten Sozialisten im Saal mußten sich die Augen reiben, so erschreckend klang das alles – und doch auch verlockend, so wie es dieser rundlich-zuversichtliche Mann da oben mit kühlen und sachlichen Worten darstellte.

England würde bis zur Mitte der siebziger Jahre für die Arbeiter, die durch Automation brotlos gemacht werden würden, zehn Millionen neue Arbeitsplätze finden müssen; aber es sei sinnlos, sich dieser Entwicklung widersetzen zu wollen – denn „in der Labour-Partei gibt es keinen Raum für Maschinenstürmer“. – Wilson schilderte das neue Großbritannien, das in dieser „weißglühenden Revolution“ geschmiedet werden würde – ein Staat ohne Snobismus, mit ganz neuen erzieherischen Möglichkeiten (denn zu lange „sind wir in einem Zeitalter der Professionals Amateure geblieben“), ein Staat, zu dessen wachsendem Wirtschaftssektor selbstverständlich alle jene Industrien gehören sollen, die aus staatlich finanzierter Forschung hervorgehen. Kein führender Politiker vor Wilson (gewiß nicht Wissenschaftsminister Lord Hailsham) hatte von der technologischen Umwälzung so gesprochen, als begriffe er wirklich ihre Maße, und als sei er nicht nur mit Vergnügen bereit, sondern auch fähig, das Beste daraus zu machen.