Das Internationale Olympische Komitee tagt in Baden-Baden

Von Johannes Bertram

In den Straßen von Baden-Baden wehen die Flaggen von III Nationen, und vor dem Kurhaus steht – symbolisch für die kraftvolle Idee der olympischen Weltbewegung – ein mächtiger Block von Olympiafahnen. Kurz bevor die Saison hier im Tal der Oos zu Ende geht, erlebt sie vom 14. bis 20. Oktober noch ihren Höhepunkt 1963: Die 60. Session des Internationalen Olympischen Komitees, wie es sie größer und in ihrer Thematik bedeutsamer bisher nicht gab. Jung geschminkt, um den alten Ruf zu wahren, bietet der legendäre Kurort am Fuße des Schwarzwaldes für diesen kurzfristig aus Nairobi herübergekommenen Weltsport-Kongreß dann auch alles auf. Nach vielen anderen illustren Ereignissen in den vergangenen Monaten gibt sich jetzt im Herbst also noch der olympische Sport mit Glanz und Gala ein Stelldichein in der Sommerhauptstadt der großen Welt. Bundespräsident Dr. Lübke wird die Session am Spätnachmittag des 16. Oktober feierlich eröffnen und das Fernsehen diese Ouvertüre aus dem kleinen intimen Barock-Theater live übertragen.

Das IOC mit seinen fünf Fürsten und Prinzen, elf Grafen, Lords und Scheichs, vier Generalen und so mancher anderen aristokratischen Erscheinung, läßt eine solche Gelegenheit natürlich nicht ungenutzt vorübergehen. 55 von den 63 persönlichen Mitgliedern dieses „Olymps der Weisen“ haben sich abgemeldet; nie zuvor war die Beteiligung größer. Von den Ehrenmitgliedern erscheinen Prinz Axel von Dänemark und Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg, zu dessen Ehren aus Anlaß seines 90. Geburtstages im Internationalen Club ein Festbankett im Kreis der alten Freunde gegeben wird. Hinzu kommen die Vertreter der Nationalen Olympischen Komitees und im Zusammenhang mit der Wahl des Ortes der Sommerspiele 1968 auch die Internationalen Föderationen. Die Olympia-Bewerbung ist die Attraktion der Session; dazu kommen aus Detroit Gouverneur George Romney und Oberbürgermeister Cavanagh, aus Lyon der französische „Sportminister“ Maurice Herzog und Oberbürgermeister Louis Pradel, aus Mexico-City der General Mourailla und aus Buenos Aires schließlich Oberbürgermeister Alberto Prebisch.

Medaillenträger am runden Tisch

Die 35 Tagesordnungspunkte der Session – unter ihnen sieben Anträge des sowjetischen IOC-Mitgliedes Andrianow von hochpolitischer Brisanz – erfordern Entscheidungssicherheit. Wenn! dem IOC manchmal eine gewisse „Sportfremdheit“ vorgeworfen wird, so braucht man nur in den Büchern olympischer Geschichte zurückzublättern, um das Gegenteil zu erfahren: Allein fünf Olympiasieger und neun weitere Olympiakämpfer – unter ihnen auch Ritter von Halt und Willi Daume – sitzen im IOC, die insgesamt 15 olympische Medaillen errungen haben. Olympiasieger waren General Pahud de Mortanges (Niederlande), der als Military-Reiter allein vier Gold- und eine Silbermedaille holte, Armand Massard (Frankreich) im Degenfechten 1920, Marquess of Exeter (Großbritannien) über 400 m Hürden 1928, Mussolinis einstiger Minister Comte di Revel im Säbelfechten 1920 und General Dyrssen (Schweden) im Fünfkampf 1920.

Es gab Zeiten, da saßen im Exekutiv-Board des IOC mit Präsident Brundage, Armand Massard, Marquess of Exeter, Comte di Revel, General Stoitcheff (Bulgarien), Sir Porritt (Neuseeland), Bo Ekelund (Schweden) und Karl Ritter von Halt, dessen herzliche Freundschaft mit Brundage vom Stockholmer Zehnkampf-Duell 1912 herrührt, nur Olympiakämpfer. Unter den hervorragenden Sportlern im IOC darf man auch den Italiener Dr. de Stefani nicht vergessen, der 14 Jahre lang zur italienischen Daviscup-Mannschaft gehörte und zweimal mit der „Squadra azurra“ im Finale gegen die USA stand. Etwas anders ist es dagegen mit den „neuen Herren“ des volksdemokratischen Sports; Adrianow, Romanow, Reczek oder Siperco haben keine nennenswerten sportlichen „Rekorde“ aufzuweisen – dafür brachten sie aber die Politik mit in den Sport...