r. g., Stuttgart

Nicht nach Frankreich zurück, heim nach Ungarn! So bettelte der 25 Jahre alte Geza Györfi. Aber seine Bewacher ließen ihm keine freie Wahl. Zweimal war der Ungar geflohen: 1956 während des ungarischen Aufstandes aus seiner Heimat; sechs Jahre darauf, im vorigen Jahr, zum zweitenmal – diesmal aus der Fremdenlegion.

Györfi ließ mit seiner Bitte, lieber nach Ungarn als nach Frankreich, keinen Zweifel daran, für welche Flucht er härter bestraft zu werden befürchtete. Aber er hatte keine Wahl, sich zwischen Ost und West zu entscheiden; deutsche Behörden entschieden für ihn, völlig korrekt, völlig gesetzmäßig. Ab mit ihm! Man müßte uns doch nun schon kennen – wir tun ja nur unsere Pflicht.

Györfi war im Alter von 18 Jahren aus Ungarn nach Österreich geflüchtet und hatte den Fehler begangen, sich über eine illegale „Arbeitsvermittlung“ von der französischen Fremdenlegion anwerben zu lassen. Wie so viele andere sah er diesen Fehler ein und flüchtete. Auf Umwegen kam er illegal in die Bundesrepublik und wurde in dem Lager für Staatenlose in Zirndorf bei Nürnberg aufgenommen. Von dort verschwand er – vielleicht in banger Ahnung – und nahm Arbeit in einem Heilbronner Industriewerk an. Seine Vorgesetzten schätzten ihn und merkten ihn für die Ausbildung in autogenem Schweißen vor. Vor etwa drei Wochen jedoch wurde die Firma von der Polizei verständigt, sie möge die Papiere und die Lohnabrechnung für Györfi fertigmachen. Am Tage darauf wurde Györfi im Werk festgenommen.

Das Landratsamt in Fürth in Bayern hatte verfügt, der staatenlose Györfi, der Mitte Juli illegal ins Bundesgebiet gereist sei, könne keine Aufenthaltsgenehmigung für das Bundesgebiet erhalten; er müsse in das Land abgeschoben werden, aus dem er gekommen sei und in dem er sechs Jahre zugebracht hatte. Angeblich hat man im Lager Zirndorf nicht gewußt, daß der Ungar diese sechs Jahre in der Fremdenlegion war. Die Ausweisung stützt sich auf die bayerische Ausländer-Polizeiverordnung. Danach genießt ein Ausländer, der wie Györfi aus einem anderen Land kommt, aber die Flucht unterbricht, nicht den Schutz der Genfer Konvention und hat kein Asylrecht.

Dieses Aufenthaltsverbot des Fürther Landratsamtes erreichte den Ungarn in Heilbronn, als die Einspruchsfrist bereits verstrichen war. Das Landratsamt in Fürth ersuchte das Amt für öffentliche Ordnung in Heilbronn um Amtshilfe; es sollte Györfi – nach dem „Schubabkommen“ zwischen der Bundesrepublik und Frankreich – den französischen Behörden überstellen, die sich auf Anfrage bereit erklärt hatten, Györfi wieder „aufzunehmen“. In einem Heilbronner Polizeibeamten, dem auf dem Polizeirevier als erstem die Fürther Verfügung in die Hand kam, regte sich allerdings menschliches Gefühl. Er sah nicht recht ein, warum für einen unbescholtenen, arbeitsamen Ausländer kein Platz hier sein sollte. Er wandte sich an seinen Vorgesetzten. Der telephonierte mit dem Amt für öffentliche Ordnung, und das wiederum telephonierte mit dem Landratsamt in Fürth und obendrein mit dem Regierungspräsidium von Nordwürttemberg. Die Fürther sahen jedoch keine Möglichkeit, vom Gesetz abzuweichen, und der Beamte beim Regierungspräsidium sah keine Möglichkeit, die Fürther Verfügung nicht auszuführen.

Györfi wurde nach Kehl gebracht, und dort wurde der Deserteur auf der Europabrücke über den Rhein, die bei ihrer Einweihung vor wenigen Jahren als Symbol eines neuen Europa gepriesen worden war, den französischen Behörden überstellt. Nachdem dies alles geschehen und bekanntgeworden war, erhob sich Empörung. In Baden-Württemberg schiebt man den schwarzen Peter den Bayern zu. Das bayerische Innenministerium will jetzt untersuchen, ob das Landratsamt in Fürth wirklich keine andere Möglichkeit gehabt hätte.