Zu welchem Zweck wird ein Jugendbuch gemacht? Um Verlagslisten zu mästen? Um Seid zu verdienen? Um Vertretern „Objekte“ zum Verkauf zu liefern? Oder etwa, um jungen-Menschen Unterhaltungs- und Bildungsstoff in die Hand zu geben und ihnen das Sprachgefühl zu stärken? Das sind nicht im geringsten rhetorische Fragen, sondern Überlegungen nach der Lektüre erstaunlich vieler Übersetzungen, Überlegungen zum Beispiel nach der Lektüre von

Skulda Baner: „Erster Abschnitt“, aus dem Englischen von Fritz Steuben; Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 254 S., 12,80 DM.

Das ist keine besonders gute, aber auch keine besonders schlechte Geschichte: Ein junges Mädchen reist in die Prärie und zum erstenmal fort von daheim, um Lehrerin zu werden. Sie hat Schwierigkeiten zu bestehen und fährt nach einem Jahr wesentlich selbständiger und freier wieder nach Hause. Abgesehen davon, daß viel aus Rührung, Trauer und Ergriffenheit geschluchzt wird, könnte man Interessantes und Neues von dieser bestimmten Landschaft und Menschengruppe erfahren.

Könnte. Wenn sich nämlich der Übersetzer die Mühe gemacht hätte, den Text nicht nur wörtlich, sondern auch sinngemäß zu übersetzen. Es reiben sich jedoch Unklarheiten und Mißverständnisse aneinander. Dazu kommen kleine Nachlässigkeiten, die die Sprache entstellen.

An dem Text kann ein junger Mensch eigentlich nur mehr erkennen, wie man nicht mit der deutschen Sprache umgehen sollte. Da heißt es zum Beispiel: „Sie trug den Handkoffer in beiden Händen.“ Meist sagt man „mit“. „Das sind Überhosen, wie die Viehhirten sie tragen. Sie werden ohne Hosenboden gemacht.“ Ob das nicht eine etwas optimistische Annahme ist? „Auf dem Kopf hohe Hüte mit Schweißbändern.“ Wie kann man das erkennen? Schweißbänder sitzen doch meist innen im Hut. Meistens wird „Frau“ und „Fräulein“ gesagt, aber von Zeit zu Zeit liest man „Miß“. Warum? „Ihr Glas blieb unberührt und trocknete auf dem Wachstuch langsam aus.“ Entweder ist „trocknete an“ gemeint oder die Hitze im Raum muß kurz unter 100 Grad gewesen sein, denn das Glas wird als voll eingeschenkt beschrieben. „Die krachendbraunen Streifen Schweinefleisch“ sind entweder knusprig braun oder krachen, weil sie noch heiß sind, und „das Klappern des Silbers“ ist im ärmlichen Präriehaus wohl das Klappern des Bestecks. Die „haarige dunkle Masse“ ist die sehr bildhafte Beschreibung eines Pferdes. Sodann ragt vor dem Sitzplatz der Heldin „eine große schwarze Flasche Pferdesalbe in die Höhe“. Bei uns ist Salbe gewöhnlich in Tuben. Und wenn ich mir auch vorstellen kann, wofür eine durchgerittene Dame Salbe braucht, so ist der Ausdruck „Pferdesalbe“ irreführend. Oder sind Pferde auch durchgeritten? Sie tanzen „einen Deutschen nach dem anderen“. Was ist das? Ein Ländler? Ein Walzer? „Pasteten, die in einem Tonkrug heiß gehalten wurden“ schmecken sicher gut. Aber wie bekommt man sie in den Krug hinein und vor allem wieder heraus? Oder ist ein Topf gemeint? Bei „Torv wandte sich ihr stärker zu“ ahnt man zwar, was gemeint ist, aber recht kurios klingt es doch.

Gewiß, gewiß: Jugendbuch-Übersetzer werden ganz besonders schlecht bezahlt. Und wenn die Verlage das Rennen um den Jugendbuchpreis mitmachen wollen, können sie sich keine Zeit für ästhetisches Zögern leisten. Schon im vorigen Jahr stand im „Erlaß des Bundesministers für Familien- und Jugendfragen über den Deutschen Jugendbuchpreis 1963“ I. 3: „Eingereicht werden können nur Bücher, die ... den Copyright-Vermerk 1961 oder 1962 tragen.“ Nun haben nicht alle Jugendbücher den Copyright-Vermerk, der das Erscheinungsjahr der Originalausgabe angibt. So hat diese Bestimmung keinen rechten Sinn. Und im „Entwurf für die Ausschreibung des Deutschen Jugendbuchpreises 1964“ wird dieser Punkt auch prompt korrigiert und präzisiert. Unter I. 3) heißt es: „Zur Einreichung sind zugelassen: b) Bücher lebender ausländischer Autoren, deren Werke erstmalig als Originalausgabe in einem ausländischen Verlag im Zeitraum von 1.11.1961 bis 31.10.1962 herausgebracht wurden und als Übersetzung in einem deutschen Verlag im Zeitraum vom 1. 11. 1962 bis 31. 10. 1963 erschienen sind.“ Fördert man so gute Übersetzungen oder die Pflege ausländischer Jugendliteratur – ohne die die deutsche Produktion nämlich gar nicht denkbar wäre und sein sollte?

Wenn dieser Entwurf tatsächlich die Grundlage für den Erlaß wird, hätten die deutschen Verlage im besten Fall zwei Jahre für die Entdeckung eines ausländischen Jugendbuches, für Agentengespräche, Lektorengutachten, Preisfeilschen, endgültige Auswahl, Übersetzersuche (viele gute Übersetzer haben Berufe und volle Terminkalender, können also nicht von heute auf morgen und in sechs Wochen ein Buch übertragen), Illustration und Herstellung. Und wenn ein Verleger auch diese Nervenhetze nicht scheut, so wird er doch bald nur noch uninteressierte Übersetzer finden, denn im Entwurf unter 4. heißt es: „Die Preise werden insgesamt nur und in voller Höhe an die Autoren selbst vergeben, nicht an Übersetzer oder sonstige Mitarbeiter dieses Werkes.“