Von Wolfgang Paul

Hier, im Tanzklub, wird Vergangenheit bewältigt. Sie wird beschworen, aufgesucht, man versöhnt sich mit ihr, man bleibt ihr treu, aber es ist keine militärische, politische, weltanschauliche Vergangenheit. Es ist die Vergangenheit der Jugend.

Da die Umstände verboten, tanzen zu gehen, als man jung war, um tanzen zu lernen, den kleinen Rausch des Miteinander ohne Absicht auszukosten – es war Krieg und Notzeit –, holt man nach. Und dieses Nachholen ist so dauerhaft geworden wie das Geld, das man einsäckelt, das Haus, das man sich baute und der gesellschaftliche Rang, den man sich erwarb.

Vielleicht sind diese Tanzklubs der mittleren Generation, die überall im Lande sich halten (auch in den großen Städten, aber dort doch etwas verschämt, nicht so publikationsfreudig wie hier in der Kleinstadt), auf wunderlich sentimentale Weise entstanden, aber sie lösen sich nicht auf, man behält sie bei. Sie machen die Gesellschaft aus, sie sind nicht mehr Heiratsmärkte oder Übungsorte für kleine Frivolitäten. Hier schwört man sich ewige Jugend für einen Abend, für eine Nacht des Monats, und diese Verschwörung hat wenig Lächerliches, sie ist der Protest einer geschundenen, dezimierten Generation gegen den Verlust der Jugend, die hinter Landsknechtstrommeln marschieren mußte.

Tanzen können sie längst in dem Tanzklub einer kleinen Stadt, in dem ich Gast war, aber sie haben herausgefunden, daß der Tanz immerzu erlernt werden kann. Deshalb traten sie in den Tanzkurs ein, den eine Kriegerwitwe leitet, die einen Abendberuf suchte, damit sie tagsüber ihre Söhne erziehen konnte. Die sind nun längst verheiratet, aber noch immer lehrt die Witwe das Tanzen. Es sind Ehepaarkurse, Gleichaltrige werden mit Gleichaltrigen zusammengebracht. Auch müssen die gesellschaftlichen Positionen beachtet werden, man ist irgendwo in Süddeutschland, dort gelten wieder die alten Bräuche: „Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann“, der Abzählreim der Kindheit läßt zwar den Bettelmann und die Monarchen aus, doch man stuft wieder ab. Man will unter sich sein nach so vielen Zusammenbrüchen und Deichbrüchen des gesellschaftlichen Ansehens.

Man ist „Schüler“ geblieben, „Kursant“, Sektion Tanzsport. Das Fernsehen zeigt die Vorbilder, die Tanzklub-Heroen, die Weltmeister in Cha-Cha-Cha oder Walzer. Im Hinterzimmer des Höhen-Restaurants erhält dasselbe, was auf dem Bildschirm so fern und vertraut, zugleich aussieht, seine erdnahe Bedeutung. Die Häuslichkeit des geselligen Lebens, vom Fernsehen und den Illustrierten so sehr vorgemacht, wird hier aktiviert.

Man setzt sich an eine lange Tafel, die Tanzlehrerin präsidiert. Das Viertel Wein wird bestellt oder der Obstsaft, die Cola. Gegessen wird nicht. Gegen 20.30 Uhr beginnt die Arbeit. In zwei Reihen stellt man sich gegenüber auf, die Herren auf der einen Seite, die Ehefrauen ihrem Mann gegenüber. Es soll irgendein Schritt irgendeines Tanzes gelernt werden. Dabei wird durch Volksgemurmel festgestellt, was man lernen oder wiederholen möchte.