Washington, im Oktober

Die drei Buchstaben MLF bezeichnen einen militärpolitischen Schachzug. Noch weiß niemand, ob und wie die Multilateral Force – die multilaterale NATO-Atomstreitmacht – das große Spiel um militärische Überlegenheit und um politische Geschlossenheit des Westens beeinflussen wird. Der deutsche NATO-Botschafter Grewe gewann jedoch in der vergangenen Woche, als er aus Paris nach Washington kam, den Eindruck, daß die Amerikaner es mit diesem Vorschlag völlig ernst meinen. Die interessierten Mächte nehmen noch diese Woche in Paris und Washington detaillierte Verhandlungen auf. Die US-Kriegsmarine will einen mit Raketen bestückten Zerstörer für praktische Erprobungen mit gemischten Besatzungen zur Verfügung stellen.

Die MLF ist ein Produkt verschiedener politischer und militärischer Absichten der Kennedy-Regierung. Grundsätzlich hält Washington es für überflüssigen Luxus, daß andere NATO-Mächte als die USA über Atomwaffen verfügen; die Vereinigten Staaten stellen ohnehin etwa 97 Prozent der gesamten atomaren Abschreckung. Die britischen Atomwaffen waren und sind insofern kein Problem, als sie mit den amerikanischen eng integriert sind. Präsident de Gaulles nationale Atomstreitmacht gab jedoch einer Atomwaffendebatte innerhalb des westlichen Bündnisses Nahrung. Hinzu kam, daß die Bundesregierung ihr wachsendes Interesse an einem wirksamen Mitspracherecht bei der Entscheidung über die Bereitstellung und den Einsatz von Atomwaffen immer vernehmlicher bekundete.

Zunächst wird die MLF vor allem von der amerikanischen und deutschen Bereitschaft getragen, sie zu schaffen und auch zu finanzieren: Washington und Bonn wollen je vierzig Prozent der beträchtlichen Kosten tragen. Die restlichen zwanzig Prozent müßten Italien und vielleicht Großbritannien aufbringen, womöglich auch Belgien und Holland, während Griechenland und die Türkei mit ihrer Bereitschaft wohl lediglich die Multilateralität des Unternehmens demonstrieren sollen.

Die MLF soll aus 25 Überwasserschiffen bestehen. Diese Schiffe werden Handelsschiffen ähneln, etwa 10 000 bis 20 000 Tonnen groß sein und je acht modernste Polaris-Raketen mit Atomsprengkopf an Bord haben. Sie sollen unauffällig in den Hochseeverkehr auf dem Atlantik, in der Nordsee, vielleicht auch im Mittelmeer eingeschleust werden. Amerikanische Sachverständige versichern, daß es ein Gegner außerordentlich schwer haben würde, sie rechtzeitig zu entdecken und durch Atomraketen zu vernichten.

Die schwierigste Frage ist die der Kommandogewalt. Die Amerikaner werden keinesfalls die letzte Entscheidung über den Feuerbefehl für ihre Polaris-Raketen aus der Hand geben. Auf deutscher Seite besteht der Wunsch, die Amerikaner allmählich an Mehrheitsentscheidungen über den Einsatzmechanismus zu binden, die vorher für den Ernstfall ausgehandelt werden sollen.

Washington hofft, mit dem MLF-Projekt besonders das deutsche Sicherheitsverlangen und den deutschen Wunsch. nach einem ausreichenden Atomschirm zu befriedigen. Damit wollen die Amerikaner gleichzeitig verhüten, daß Bonn zusammen mit Paris eine eigenständige europäische Atommacht entwickelt. Thilo Koch