Von Hans-Joachim Schoeps

Die Menschen aus den Bünden der einstigen deutschen Jugendbewegung sind heute zwischen fünfzig und achtzig Jahre alt. Was sie miteinander verbunden und geprägt hat, ist als Erlebnis einzigartig gewesen und auch einmalig geblieben. Die Generation vorher hat es nicht gekannt und die nach ihr kommende versteht es nicht mehr. Die Generation der deutschen Jugendbewegung war eine solche des schöpferischen Überschwangs, sie war geprägt durch eine innere Leidenschaftlichkeit, mit der sie zu allem, was sie umgab oder sie bedrängte, Stellung bezog. Die Jugendbewegung ist ein spiritualistischer Aufbruch gewesen, wie er sonst nur aus religiösen Erweckungsbewegungen bekannt ist. Man wird in der Generationenreihe des deutschen Volkes zurückgehen müssen bis zur Urburschenschaft des Wartburgfestes, um etwas ihrer Art Vergleichbares zu finden. Vielleicht wird es in hundert Jahren wieder etwas dem Vergleichbares geben.

Der jugendliche Überschuß, aus dem der Wandervogel lebte, ließ ihn oft geradezu rauschhaft und dionysisch Gemeinschaft erleben und Formen der Gemeinschaft erfahren, die der bürgerlichen Welt unbekannt waren und immer unbekannt bleiben werden. Dies, weil der Bürger ein auf Sicherung und Sicherheit bedachter Mensch ist und wir uns einfach hingegeben haben auf jede Gefahr hin, verpflichtet nur dem Kompaß unseres Gewissens, aber geöffnet dem Ruf der Stunde.

Was dabei herausgekommen ist? Zweckhaft betrachtet: überhaupt nichts. Sinnhaft betrachtet: viel Freude und Herzeleid und ein Wissen um reiche Möglichkeiten des Menschseins, das uns bis heute einen anderen Blick, eine andere Weise des Umgangs und der Behandlung von Menschen gegeben hat – überhaupt eine andere Art des In-der-Welt-Seins. Das sind nun keine eigentlich politischen Qualitäten – am Maßstäbe politischer Wirkung darf man die Jugendbewegung darum auch nicht messen –, sondern im weitesten Sinne kulturelle, musische und erzieherische, wie das auch die Gebiete sind, auf denen die Menschen der Jugendbewegung bisher ihr Bestes und Eigenstes in schöpferischer Gestaltung geleistet haben.

Und als Frucht der Bewegung ist nebenbei herausgekommen – sozusagen unabsichtlich – noch eine kulturschöpferische Tat: wir haben einen neuen Typus geschaffen. Die deutsche Jugendbewegung hat den Jüngling geschaffen, an Stelle des jungen Mannes, hat Jugend begreifen gelehrt als ein Lebensalter aus eigenem Wuchs und von eigenem Wert. Der Ausländer, der nach Deutschland kam und den neuen Lebensstil der Jugend sah, empfand meist stark, daß das Bild des Landes sich verändert hatte, und spürte zugleich, daß dies etwas Einmaliges und unverlierbar Deutsches ist, zu dem es in keinem Land der Welt Parallelerscheinungen gab.

Als die Jugendbewegung einmal ihr Wesen zu formulieren versuchte, um bei der Umwelt ihre Visitenkarte abzugeben, kam es vor jetzt fünfzig Jahren zu der sogenannten Meißner-Formel, die 1913 auf dem Hohen Meißner, einem Berge bei Kassel, beschlossen wurde, als die Jugend, fern vom patriotische Reden haltenden und Bier trinkenden Bürgertum, auf ihre Weise die Hundertjahrfeier der Völkerschlacht von Leipzig in der freien Natur beging: „Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“

Die Wahrhaftigkeit, die in dieser Autonomieformel gemeint war, war mehr als eine Wahrhaftigkeit im moralischen Sinne, nämlich eine metaphysische Wahrhaftigkeit, die so viel Unbedingtheit hat, daß sie den Mut aufbringt, allen Wirklichkeiten der Welt – auch den tragischen – ins Auge zu sehen. Das bedeutet für uns, stets frei auf den Anruf des Gewissens zu reagieren und mit allem, was uns begegnet, verantwortliche Auseinandersetzung vorzunehmen mit den sich ergebenden Konsequenzen des praktischen Eingreifens. Insbesondere ist das moralische Gewissen geschärft worden, überall dort einzutreten, wo sich Ungerechtigkeit und Unterdrückung in Zusammenleben der Menschen und Völker zeigten. Dieser ungebrochene ethische Idealismus gab dieser Jugend ihre Jugendlichkeit; keine Jugendgeneration ist mehr so positiv gestimmt gewesen