Hans Frölicher: Meine Aufgabe in Berlin. Privatdruck.

Es ist den Schweizern gelungen, nicht in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen zu werden. Sie haben vielmehr ihre Freiheit und Unabhängigkeit bewahrt. Wie dies den Schweizern gelang, ist eine Frage, die von der Geschichtsforschung bislang wenig beachtet wurde. In der Schweiz stehen sich zwei Auffassungen dazu gegenüber. Die einen sehen in der militärischen Abwehrbereitschaft der Schweiz das Mittel, das einen deutschen Angriff vereitelte. Die anderen schreiben es der klugen Politik des Bundesrates und der Schweizer Gesandtschaft in Berlin zu, daß es damals für die Schweiz zu keiner Katastrophe kam. Vor einiger Zeit sind zwei Bücher von Schweizern erschienen, die jeweils eine von beiden Ansichten zu diesem Thema vertreten.

Das eine von Jon Kimche, „General Guisans Zweifrontenkrieg“, und das andere von Hans Frölicher, dem Schweizer Gesandten in Berlin 1938/45, „Meine Aufgabe in Berlin“.

Frölicher gibt in seinen Memoiren eine Rechtfertigung der vom Bundesrat und ihm vertretenen Politik gegenüber dem Dritten Reich, während Kimche gerade diese Politik heftig kritisiert und General Guisan, den Schweizer Oberbefehlshaber während des Zweiten Weltkrieges, zum alleinigen Retter des Vaterlandes erhebt, zu dem Mann, der Hitler allein auf dem Kontinent noch Halt gebot und ihn überspielte.

Man muß sich ins Jahr 1938 versetzen. Da stand das erstarkende und immer mächtiger werdende Dritte Reich, das sich gerade Österreich einverleibt hatte, weiter rüstete, zusätzliche Expansionsgelüste bereits durchblicken ließ und damals 75 Millionen Einwohner zählte, während sich die Schweiz dagegen mit ihren vier Millionen Menschen verschwindend klein ausnahm. Als sich im Frühjahr 1938 die ersten Anzeichen einer kommenden Kriegsgefahr bemerkbar machten, proklamierte der Bundesrat die Rückkehr zur traditionellen Neutralität und bemühte sich um ihre politische Anerkennung.

Frölicher konnte im Frühjahr 1938 von Berlin die Anerkennung der Neutralität und Unabhängigkeit der Schweiz erreichen. Der Bundesrat und Frölicher wußten jedoch genau, daß damit Hitler nicht letztlich die Hände gebunden waren. Aber sie erkannten deutlich den Wert dieser Anerkennung. Sie war wichtig gegenüber den Störungsaktionen und Drohungen von Parteileuten, die die „reichsfeindliche“ Schweiz schon jetzt Deutschland angliedern wollten. Allerdings war die Anerkennungsnote kein völliger und vielleicht nur ein zeitweiliger Schutz gegen derartige Bestrebungen. Aber wesentlicher ist, daß für die deutschen Behörden, mit denen die Schweiz über die Regelung praktischer Fragen zu verhandeln hatte, die Beziehungen Deutschlands zur Schweiz mit der Anerkennung durch Entscheid von höchster Stelle klargestellt waren und die Schweizer Unterhändler sich darauf berufen konnten. Die Verständigung mit Deutschland in einigen praktischen, insbesondere wirtschaftlichen Problemen war für die Schweiz eine Existenzfrage.

Denn Deutschland war seit langem der weitaus wichtigste Handelspartner der Schweiz; die Schweiz wurde von Deutschland aus mit Kohle und Eisen versorgt. Ohne diese Lieferungen hätte die Schweiz nicht einmal ihre Alpenfestung, das Réduit, im Kriege befestigen können. In großen und ganzen konnte die Schweiz diesen für sie lebenswichtigen Verkehr mit deutschen Stellen mit relativ befriedigenden Resultaten den ganzen Krieg hindurch aufrecht erhalten, allen Spannungen und einer oft vergifteten Atmosphäre zum Trotz. Es ist nicht zuletzt das Verdienst der vorsichtigen Politik des Berner Bundesrates und des Gesandten Frölicher, der es immer wieder verstand, die Wogen der Spannungen in Berlin zu glätten und Schwierigkeiten zuvorzukommen, so daß es niemals zu einen deutschen Ultimatum an die Schweiz kam.