Von Karl Schiller

Wirtschaftliches Wachstum ist keineswegs ein selbstverständlicher, von allen vorbehaltlos anerkannter Wert. Etwa eine weitere fünfprozentige Zunahme unseres Sozialprodukts von Jahr zu Jahr, was nach der Zinseszinsrechnung in 15 Jahren eine Verdoppelung, in 29 Jahren eine Vervierfachung unserer gesellschaftlichen Leistungsergebnisses bedeuten würde, das ist eine Perspektive, die nicht überall von vornherein als verlockend angesehen wird. Und wir selbst sollten auch nicht mit einer Handbewegung über solche Zweifel hinweggehen, etwa nach dem Motto: "Dynamik ist immer gut."

"Wozu Wachstum?" In der Tat müssen wir auf diese Frage eine Antwort geben:

Natürlich könnten wir da einfach auf das elementare Streben nach Hebung des Lebensstandards hinweisen. Aber das wäre wohl zu einfach. Bei näherem Zusehen stellt sich die Forderung nach wirtschaftlichem Wachstum im wesentlichen aus folgenden Gründen:

1. Wachstum ist notwendig, um dauernd ein Grundpostulat unserer Politik zu erfüllen, nämlich die Vollbeschäftigung. Die moderne Industriewirtschaft ist bestimmten Gesetzen der Eigendynamik unterworfen: Je heftiger der technische Fortschritt ist, um so mehr muß die Wirtschaft "in die Breite zunehmen", wenn genügend Arbeitsplätze für freigesetzte und nachwachsende Kräfte zur Verfügung stehen sollen. Und jede neugeschaffene Produktionskapazität braucht für ihre Ausnutzung Investitionen an anderer Stelle. Das heißt, nur ein bestimmter Grad allgemeiner Expansion sorgt für eine laufende Beschäftigung.

2. Wir brauchen wirtschaftliches Wachstum ganz gewiß, um die großen inneren Aufgaben in unserem Gemeinwesen zu lösen. Natürlich ist die Zunahme des Sozialprodukts um 26. Mrd. D-Mark, wie 1962 in der Bundesrepublik, kein "Überschuß", der nun einfach freihändig verteilt werden könnte, etwa von einem "Ministerium für wirtschaftliche Expansion", das jetzt eine Partei in England auf ihre Wahlkampffahnen geschrieben hat. Dieser Betrag ist vielmehr in einer Marktwirtschaft mit seiner Entstehung schon "vorverteilt". Aber es besteht wohl Einigkeit darüber, daß alle Aufgaben auf dem Gebiete der Volksgesundheit, der Wissenschaftsförderung, des Verkehrswesens, der Raumordnung und des Städtebaus, der Landesverteidigung, um nur einige Gemeinschaftsaufgaben zu nennen, leichter zu erfüllen sind, wenn der volkswirtschaftliche Kuchen von Jahr zu Jahr größer wird.

Auch Veränderungen in der Einkommensverteilung im Sinne größerer Gerechtigkeit sollten in Zeiten der Prosperität besser durchzusetzen sein als in einer stagnierenden Wirtschaft. Wachstum ist immer noch die beste Voraussetzung der Einkommenspolitik, und alle Umverteilungspläne sollten darauf Rücksicht nehmen.