Der deutsche Arbeitsmarkt wird noch für Jahre hinaus unergiebig bleiben. Die Industrie versucht zwar, durch personalsparende Investitionen diesen Engpaß zu überwinden, aber diesem Bemühen sind Grenzen gesetzt, die bei einem Aufleben der Konjunktur nur zu schnell sichtbar werden. Bisher konnte man weitgehend auf ausländische Arbeitskräfte ausweichen, die sich bereitwillig für eine Beschäftigung in der Bundesrepublik zur Verfügung stellten. Dieses Reservoir scheint sich mehr und mehr zu erschöpfen, zumal in den Heimatländern der ausländischen Arbeitskräfte im Zuge des allgemeinen Wirtschaftsaufschwunges in Europa bessere Arbeitsbedingungen Platz ergreifen und auch die Arbeitsplätze reichlicher werden. Um so schwerer gestaltet sich die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte für die deutsche Industrie.

Das ist zweifellos einer der Gründe, warum in letzter Zeit Pläne reifen, dort Fabrikationsstätten zu errichten, wo es noch freie Arbeitskräfte gibt. Daß diese Frage nicht nur vom Standpunkt des Arbeitskräfteproblems entschieden werden kann, ist selbstverständlich. Eine ebenso große Rolle, spielen politische Struktur, steuerliche Gesichtspunkte wie auch das weite Feld der Zollbelastungen. Die Farbwerke Hoechst AG, vormals Meister Lucius & Brüning, hat mit ihren Auslandsbeteiligungen bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ihr Umsatz hat sich im letzten Jahr um etwa 30 % erhöht. Kein Wunder, wenn man jetzt plant, am Südrand des europäischen Kontinents zu investieren, also vornehmlich in Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei, die als Partner nach der Verbindung mit der EWG interessant wird.

Die Mittel für die Auslandsanlagen sind im allgemeinen Investitionsprogramm von Hoechst nicht enthalten. Das Kapital dafür wird in der Regel im Ausland aufgenommen, nicht zuletzt deshalb, weil die Zinsen dort oftmals um 1 bis 2 % niedriger sind als in der Bundesrepublik. Im laufenden Jahr beanspruchten die Investitionen im Ausland etwa 50 Mill. DM, für 1964 ist der gleiche Betrag vorgesehen.

Im Rahmen der gesamten Investitionsplanung nimmt sich dieser Betrag noch bescheiden aus, wobei allerdings zu bedenken sein wird, daß die Auslandsbeteiligungen weitgehend auf Forschungseinrichtungen verzichten können. Der jetzt genehmigte Investitionsplan für 1964 sieht bei Hoechst einen Betrag von 380 Mill. DM vor, das ist in etwa der gleiche Betrag, der auch für 1963 verbaut werden soll. Von einer Expansion auf diesem Gebiet kann folglich nicht mehr die Rede sein. Immerhin sind fast 400 Mill. DM jährlich (ohne Auslandsinvestitionen) ein recht stolzes Niveau.

Von den 380 Mill. DM, die im kommenden Jahr für Investitionen ausgegeben werden sollen, werden etwa 255 Mill. über Abschreibungen aufkommen, ein größerer Betrag muß durch Zuführung neuer Mittel gedeckt werden. An eine Kapitalerhöhung wird nicht gedacht. Die Hoechst-Aktionäre haben deshalb, weiterhin Schonzeit, insoweit sie allerdings nicht gleichzeitig auch an Bayer oder BASF beteiligt sind, wo im kommenden Jahr mit einiger Sicherheit Bezugsrechte erwartet werden können, wenn die Börsensituation die Durchführung von Kapitalerhöhungen großen Stils gestattet.

Die Hoechst-Investitionen verteilen sich über den gesamten Unternehmensbereich. Ist eine Fertigungsstätte veraltet, wird sie nicht modernisiert, sondern abgerissen und vollständig durch neue Anlagen ersetzt. Bei den Textilhilfsmitteln liegen neue Forschungsergebnisse vor, die jetzt realisiert werden können. Das Textilhilfsmittelgeschäft hat sich in jüngster Zeit erfreulich belebt. Man verspricht sich von ihm für die Zukunft viel. Weiterhin wird die Trevira-Produktion in Bobingen verstärkt. Für die Folienfabrikation bei Kalle in Wiesbaden-Biebrich sind ebenfalls größere Investitionen vorgesehen. Die Forschungszentren werden ausgebaut. Der Umsatz hat 1963 gegenüber dem Vorjahr um 8 bis 9 % zugenommen. Hoechst erwartet einen Jahresumsatz von etwa 3,7 Mrd. DM. In diesem Jahr hat sich das Exportgeschäft kräftiger entwickelt als der Inlandsumsatz, der wertmäßig nur um 7 % gestiegen ist. Die mengenmäßige Umsatzzunahme betrug allerdings 10 %; der Preisrückgang hat also angehalten.

W. R.