Carl H. Hillekamps: „Lateinamerika-Staaten suchen ihre Nation“; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 171 S., 7,80 DM.

Die Staaten Lateinamerikas stehen fast alle noch vor der Entscheidung, welchen Weg sie gehen wollen. Weder Ost noch West können eine Entscheidung unmittelbar herbeiführen – dazu sind sich diese Staaten schon zu sehr ihrer selbst bewußt; von außen kann nur für diesen oder jenen Standpunkt geworben werden. Der „Werbeträger“ heißt Entwicklungshilfe. Aber hat unsere westliche Welt noch eine Chance zwischen dem Kommunismus und dem Nationalismus in Lateinamerika? Das versucht der in Buenos Aires lebende Carl Hillekamps, Korrespondent europäischer Zeitungen, zu beantworten.

Agrarprobleme und soziale Frage, Beziehungen zum ausländischen Kapital, Eingliederung der Indios in die Nation und eine Darstellung der kommunistischen Verlockungen bilden das Skelett dieses Buches. Seit Jahrzehnten werden südlich des Rio Grande der kommunistischen Lösung nationalistische oder übernationale Programme gegenübergestellt. Allein mit Programmen ist Lateinamerika schwer beizukommen. Immer wieder steht man vor der Frage: Soll die (selbstverständliche) Neuverteilung des Nationalprodukts gewaltsam oder durch eine langsame Wandlung vorgenommen werden? Das erste läuft, so scheint es, auf den Kommunismus in seiner kubanischen Spielart hinaus, das zweite wird von der Weltbank; der Interamerikanischen Entwicklungsbank und Kennedys Allianz für den Fortschritt bisher ohne jeden sichtbaren Erfolg angestrebt. Bei der Verwirklichung ihrer Programme stoßen die Entwicklungshelfer auf ein engmaschiges Netz von Schwierigkeiten – nicht zuletzt, weil die Pläne oft auf Grund von äußerst unzulänglichen Informationen ausgearbeitet werden.

Plötzlich wollte Washington entdeckt haben, daß auch Trujillo und Duvalier nichts anderes sind als Tyrannen. Und Kennedys Allianz für den Fortschritt, was ist sie anderes als der Vorschlag für ein großzügiges Entwicklungsprogramm, den Fidel Castro einst (vergeblich) der Regierung Eisenhower unterbreitet hatte? Hinzu kommt, daß die marxistische Deutung der gesellschaftlichen Umwälzungen, auf dem frühkapitalistischen Boden Europas gewachsen, für Länder mit beginnender Industrialisierung eine gewisse Richtigkeit behalten hat und wegen der verworrenen oder ungeeigneten Pläne des Westens in Lateinamerika besonders faszinierend erscheinen muß.

Korrekt zeichnet der Autor den geschichtlichen Hintergrund, vor dem sich heute in Lateinamerika die Auseinandersetzungen zwischen den von jeher herrschenden Gruppen und den modernen Massenbewegungen abspielen. So verschieschieden die zwanzig Staaten Lateinamerikas auch sind, gemeinsam ist ihnen die Bildung von Massen, die am Leben der Nation teilzunehmen beginnen und einen Weg suchen, um ihre Ansprüche geltend zu machen. Manchmal werden sie von einem geschickten Führer erfaßt, wie von Perón (der bei Hillekamps allzu positiv abschneidet) in Argentinien, Getulio Vargas in Brasilien oder Haya de la Torre in Peru und versuchen, die Vormacht der Oligarchie zu brechen. Eine Wandlung des gesellschaftlichen Aufbaus, die allein die Solidarität der Massen der Nation bewirken kann, wurde von diesen volkstümlichen Führern jedoch nie wirklich angestrebt. Man hat die Drohung blutiger Umwälzungen leichter hingenommen als die naheliegenden Reformen, die freilich eine – wenn auch milde – Veränderung der Besitzverhältnisse einschließen müßten.

Hillekamps hat Verallgemeinerungen unterlassen: Lateinamerika – das sind zwanzig, verschiedene Länder, von denen jedes seinen mehr oder weniger selbständigen Weg zur Bildung einer Nation geht. Sie stehen auf verschiedenen Stufen der Entwicklung, sind stolz auf ihren geschichtlichen oder geographischen Charakter, und nicht zuletzt sind sie eifrig darauf bedacht, daß man sie nicht alle in einen Topf wirft.

Überall in Lateinamerika kann man den Eindruck gewinnen, daß die Ressentiments gegenüber dem Ausland und seinen politischen Plänen gebannt werden können, wenn es gelingt, eine sichtbare Entwicklungshilfe ohne Aufhebens und richtig zu plazieren. Der Allianz für den Fortschritt hängt bereits das Odium an, zu laut verkündet worden zu sein, ohne daß sich bisher irgendein Fortschritt eingestellt hätte. Wenn Europa nun als aufgeschlossener Partner mit Fachkräften, Kapitalbeteiligung und vor allem als Käufer von Rohstoffen größer „einsteigt“, könnte die Frage nach der Chance des Westens in Lateinamerika eines Tages doch noch positiv beantwortet werden. Germán Kratochwil