In seinem 1961 in deutscher Übersetzung publizierten Tagebuch entwickelt der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz eine ebenso simple wie gefährliche Privatphilosophie: allein die Jugend, heißt es, sei „unfehlbar in jedem Akzent“, und nur die niedere, „dem Erdboden nahe Schönheit“ habe Anspruch auf dichterische Verklärung: glücklich das Land, in dem kein männlich-reifer Geist, sondern die frühe, leichte Form regiere und die Materie triumphiere; gepriesen das Retiro, in dem flanierende Matrosen den Charme eines Dorian Gray und die Vollkommenheit des Alkibiades demonstrieren! („Und hier, auf dem Retiro, sah ich die Jugend an sich, unabhängig vom Geschlecht, und empfand das Blühen des Menschengeschlechtes in der schärfsten Form...“)

In der Tat, das ist eine schlichte Dogmatik, eine romantische Wert-Umkehrung, die auch im Vorwort von Gombrowicz’ letztem Roman wiederkehrt und sich hier wie folgt präsentiert: „Ich glaube, daß die Formel ‚der Mensch will Gott sein‘ sehr gut die Sehnsüchte des Existenzialismus ausdrückt, während ich ihm eine andere, unbändig unermeßliche entgegenstelle: ‚der Mensch will jung sein‘“ –

Witold Gombrowicz: „Verführung“ (Originaltitel: „Pornografia“), aus dem Polnischen von Walter Tiel; Neske-Verlag, Pfullingen; 190 S., 16,80 DM.

Nun, das Gerede von den „jungen Völkern“, HJ-Parolen und Ballila-Schreie im Ohr, wird man bei uns die Apotheose des Puerilen mit ebensoviel Gelassenheit wie Skepsis zur Kenntnis nehmen – und doch dem polnischen Autor zugestehen, daß es ihm in seinem letzten Buch gelungen ist, die sehr persönliche und ein wenig fatale Altmänner-These von der Jugend als der „einzigen Trumpfkarte“ in einen wahrhaft großen Roman zu verwandeln – in ein Buch freilich auch, das so provokant, und diabolisch konstruiert, so gnadenlos und so pervers ist, daß es seinen polnischen Titel „Pornografia“ zu Recht trägt. Dabei wird sich kein Staatsanwalt beleidigt fühlen; kein unanständiges Wort fordert den Protest der Frömmler heraus; Biedermänner, dafür hat der Autor gesorgt, können die „Verführung“ tatsächlich wie einen etwas überspannten Provinzroman lesen – ohne zu bemerken, daß sie Dynamit zu sich nehmen. Nein, Henry-Miller- oder Tanizaki-Freuden sind nicht zu entdecken; auch wird kein Gourmet durch Lolita-Winke entzückt. Das Obszöne liegt in der Komposition, im spirituellen Entwurf.

Zwei Männer, der Erzähler Witold und ein korrekter Herr namens Friedrich, treffen einander 1943 in einem Warschauer Café, kommen sich näher (beide, alt und welterfahren, sind nicht ohne Schliff), besuchen in Sandomir den Gutsbesitzer Hipp (genauer: Hippolyt S.) mitsamt seiner melancholischen Gattin Maria, lernen das Töchterchen Henia kennen, auch ihren gutmütig-feisten Verlobten (Waclaw, einen Advokaten aus gutem katholischem Haus), stoßen auf einen Knaben namens Karol – und da, plötzlich (nach einer Messe), sind die Karten gemischt, man fordert und blufft; das Alter erfindet, die Jugend spielt aus; von coeur und carreau ist die Rede, von Reizen, Überbieten und Stechen (alles verschleiert, doppeldeutig, mit geheimem Hintersinn); Buben und Mädchen finden einander: so, als habe ein Büchnerscher Wortwitz sie eben zum Leben erweckt. Immer neue Paarungen bieten sich an; man wechselt den Partner und steigert den Einsatz, bis schließlich der Tod, ein dreifach-greller Mord, jenem Verführungsspiel ein Ende macht, dessen makabrer Reiz darin besteht, daß zwei ältere Männer – der anfangs korrekte, später aber Nietzscheschem Wahnsinn verfallene Herr Friedrich und der Erzähler – zwei jungen Leuten so lange glauben machen, sie (Karol und Henia) gehörten zueinander, bis das Ersehnte eintritt und – eine Ferdydurke-Wiederholung – die aufgezwungene Form tatsächlich für sie paßt: Von den Wünschen, Phantasien und Träumen anderer geschaffen, werden Karol und Henia wirklich – sie selbst. („Sie konnten nicht mehr gegen die Schönheit angehen, die wir fortwährend in ihnen entdeckten.“)

Wie konsequent, mit wieviel Berechnung und einem wie grausamen Blick für die jeder Natur innewohnende Veränderungsmöglichkeit wird dieses Verführungsspiel inszeniert! Welche psychologischen Volten und raffinierten Ausblicke: welche Aspekte auf nie gesehene Zonen ergeben sich da! Und wie gemütvoll und schwankhaft gibt sich das Zoten-Szenarium unserer Zeit, gemessen an dieser Beschreibung einer teuflischen Umfiguration, die zwei Menschen nur deshalb zu Mördern werden läßt, damit zwei alte Demiurgen noch einmal den Zauber der Jugend verspüren.

„Verführung“ ist ein Buch, das aus einem System von Spiegeln besteht; nicht was die Figuren sind, sondern wie sie erscheinen: die Brechung und die Brechung der Brechung ist von Belang. Alle sind mehrfach da – reflektiert, zerspalten, ohne feste Kontur. Es fehlt an Eigenleben, menschlicher Mitte, Beharrung und Kontinuität; man ist nicht, man „verhält“ sich, nur das Gegenüber bestimmt die Kontur. Auch die Sprache hat Teil an der Zweideutigkeit: Man redet, um zu verhüllen; das Gemeinte ist nicht mit dem Gesagten identisch. Oft sprechen die Personen, im Dialog, über den anderen weg, zu einem schweigenden Dritten, damit der es einem Vierten erzähle und die Nachricht so, dreifach gebrochen, den ersten Adressaten wieder erreiche. „Ich sagte Ihnen, daß Sie mir gesagt hätten, Waclaw hätte Ihnen gesagt, daß er zufällig das auf der Insel gesehen hätte. Daß er sie (nicht mich) gesehen hätte, als er auf dem Pfade spazierte, zufällig.“