Vor zwei Jahren schlossen die USA in Punta del Este mit latein-amerikanischen Staaten die „Allianz für den Fortschritt“. Die Amerikaner zeigten sich entschlossen, ihren Nachbarn im Süden auf dem Weg zu wirtschaftlicher Stabilisierung und einer gefestigten demokratischen Ordnung zu helfen. Für die Kennedy-Regierung waren reaktionäre Diktaturen keine Alternative mehr zum Kommunismus.

In Washington muß nun die Bilanz des zweiten Jahres der Allianz. gezogen werden. Sie ist nicht ermutigend.

In vier Staaten wurden die Ansätze von Demokratisierung von putschenden Militärs zerstört, Dies geschah in Guatemala, Ekuador, der Dominikanischen Republik und Honduras. In Brasilien, Venezuela und El Salvador droht die Ablösung der schwachen, demokratisch gewählten Regierungen durch eine Militärdiktatur.

Den schwersten Schlag seit Unterzeichnung der Allianz erlitt Kennedys Lateinamerika-Politik Ende September in Santo Domingo. Washington hatte gehofft, aus der Dominikanischen Republik mit Hilfe des klugen Präsidenten Juan Bosch und durch großzügige Wirtschaftsunterstützung eine latein-amerikanische Musterdemokratie zu machen. Juan Bosch gelang es indes nicht, die konservativen Kräfte im Lande – die kleine soziale Oberschicht, die Kirche und die amerikanischen Investoren, die einst mit dem Diktator Trujillo paktierten – für sein Reformprogramm zu gewinnen. Sie benutzten die Armee, das gefährliche Erbe, das Trujillo der Demokratie hinterlassen hatte, um Bosch zu stürzen.

Kennedy muß aus der Entwicklung in Lateinamerika Konsequenzen ziehen. Der Gouverneur von Puerto Rico, Martin,ein Freund Boschs, hat den amerikanischen Präsidenten gewarnt: „Es wird zu einer Kette von Putschen kommen, wenn Sie nicht energisch gegen die neuen Militärregime vorgehen.“ Einige von Kennedys liberalen Freunden fordern ebenfalls Maßnahmen, um die demokratische Ordnung in Honduras und der Dominikanischen Republik wiederherzustellen. Sie erwägen eine wirtschaftliche Blockade und sogar eine militärische Intervention gegen die Militärregime.

Kennedy hat jedoch zu erkennen gegeben, daß er an eine direkte Intervention nicht denkt. Andererseits ist er nicht wie Eisenhower bereit, ein lateinamerikanisches Regime zu unterstützen, nur weil es antikommunistisch ist. Er glaubt, daß die Südamerikaner, vor die Alternative zwischen reaktionärer Gewaltherrschaft und kommunistischer Diktatur gestellt, eines Tages den Weg der Kubaner wählen werden.

Washington hat deshalb zunächst die Wirtschaftshilfe für die Dominikanische Republik und Honduras gesperrt und den neuen Regierungen die Anerkennung verweigert. Ob diese Maßnahmen die Wiederherstellung demokratischer Zustände gewährleisten, ist allerdings zweifelhaft. Nach dem Putsch in Ekuador und Guatemala hat Kennedy das Versprechen der herrschenden Militärs, in absehbarer Zeit wieder demokratische Wahlen zuzulassen, mit der Anerkennung der Regime honoriert. Die Wirtschaftshilfe ist sein Faustpfand, mit dem er auf Erfüllung des Versprechens und auf soziale Reformen drängt.

Auch in Honduras und der Dominikanischen Republik wird Washington nur der Versuch bleiben, diese Länder noch einmal auf den hindernisreichen Weg von der Militärdiktatur zur Demokratie zu führen, die Armee mit sanfter Gewalt für die Verteidigung demokratischer Institutionen zu gewinnen. Denn gegen die Militärs wird in den meisten latein-amerikanischen Staaten keine Demokratie überleben. K. H.