Der größte Frisiersalon"

Pätschs vorsichtige Äußerungen ließen erkennen, daß der Umfang der Anforderungen weit größer war als die vom Innenministerium hartnäckig wiederholte Zahl von 65 Fällen (in fünf Jahren!) und daß die technische Ausführung nicht durchweg allein den Alliierten überlassen wurde.

Immerhin wußte Pätsch auch, "daß Herr Wender (Gruppenleiter in der Abteilung IV) zur Zeit mit seinen Sachbearbeitern die Akten durcharbeitet", um zu prüfen, ob tatsächlich die Interessen der verbündeten Streitkräfte in jedem von deutscher Seite aufgeworfenen Fall berührt waren – denn das sollte ja die Voraussetzung für die Abhör-Aktivität des Kölner Amtes sein. Ein Bonner Parlamentarier umschrieb die emsigen Bemühungen der Gruppe Wenger so: "Dort wird der größte Frisiersalon Deutschlands betrieben."

Die Mißbrauch-These läßt sich aber viel einfacher belegen. Minister Höcherl offenbarte der Kleinen Kommission 27 Fälle, in denen die Telephonüberwachung unvermeidlich gewesen sei. Wenn je Fall nur zehn Gesprächs- oder Briefpartner angenommen werden – fürwahr ein geringe Zahl!, dann bedeutet das, daß Telephon und Post von wenigstens 270 Bundesbürgern kontrolliert worden sind. Ob sich nur 10, 20 oder 50 zusätzliche "Verdächtige" ergeben haben – fest steht doch, daß entgegen dem Grundgesetz Artikel 10 die Gespräche mehrerer hundert völlig unverdächtiger Personen "gefilzt" worden sind. Bei der Briefkontrolle wiederum werden nicht die Sendungen des verdächtigen Subjekts, sondern die eingehenden Episteln der sicher überwiegend harmlosen Absender gelesen – ob es sich nun um den Anwalt, die Sparkasse, den Kollegen oder die Freundin handelt.

Die Tatsache, daß aber jeder Abhörfall sich ausweitet, brachte zum Beispiel auch den FDP-Vorsitzenden Dr. Erich Mende ins Gestrüpp der Abhörung. Ein Gesprächspartner Mendes wurde vom Verfassungsschutz überwacht, wodurch Mendes Äußerungen ebenfalls säuberlich aufgespult wurden.

So wenig wie Mende bringen die zahlreichen anderen Mitbetroffenen Verständnis dafür auf, daß Gespräche unter vier Ohren festgehalten wurden und – niedergeschrieben – in Köln von Hand zu Hand gehen konnten. Nach Pätschs Aussage erhielt sogar "ein großer Personenkreis" Kenntnis von abgehörten Texten. Die Kleine Kommission (CDU: Güde, CSU: Wagner, SPD: Schmitt-Vockenhausen, FDP: Dorn) will erreichen, daß künftig derjenige "Anfall" bei Abhöraktionen, der unverdächtige Bürger umfaßt, vernichtet wird.

Umfang und Wert der Telephon-Überwachung sind in Geheimdienstkreisen ohnehin umstritten. Jedem Experten ist bekannt, daß sich geschulte Agenten, Rädelsführer und Umstürzler nicht per Telephon über ihre Taten und Pläne zu unterhalten pflegen. Einmal, weil sie längst ahnen oder wissen, daß in der Bundesrepublik die Fernsprechleitungen angezapft werden, zum anderen, weil zu oft Außenstehende durch technische Fehler unbeabsichtigt fremde Gespräche mithören können, ein Vorgang, den wohl jeder schon erlebt hat. Die Kölner Verfassungsschützer müssen sich also gewichtige Erkenntnisse sowieso auf andere Weise beschaffen, als durch Abhören der Telephongespräche ...