Der große Routinier

Bestimmt möchte er Kanzler sein, sehr wahrscheinlich wird er Kanzler werden, vielleicht sogar ein guter Kanzler: Konrad Adenauer. „Er steckt sie alle in die Tasche“, berichteten schon vor Jahresfrist unvoreingenommene Beobachter aus Bonn. Jetzt scheint es, daß sie recht behalten werden.

Adenauer ist der große Routinier in der deutschen Nachkriegspolitik. Er ist kein verbissener Dialektiker, er gleicht eher einem Generaldirektor der Politik.

Selbst diesem Mann ist jener Hang zur Intoleranz eigen, der ein Kriterium deutscher Parteipolitiker zu sein scheint. Doch bei ihm, im Gegensatz zu anderen, entspringt diese Neigung zur Herrschsucht nicht so sehr dem Glauben an eine Parteidoktrin als vielmehr den Glauben an sich selbst. Der vierfache Dr. h. c. der Kölner Universität ist im Grunde seines Herzens Autokrat. So kommt es auch, daß er mehr Feinde hat als Freunde, aber – und das ist in der Politik entscheidend – mehr Anhänger als Gegner. Bisher ist es niemals gelungen zu ergründen, wer von ihnen recht hat: jene, die sagen, Adenauer sei ein „alter ehrwürdiger Herr“, dessen katholisch-konservative Haltung den ruhenden Pol in einer meisterhaften Beherrschung des politischen Spiels bilde, oder die anderen, die behaupten, er sei ein „alter Fuchs“, dessen Starrsinn nur noch von seiner Begabung für verschlagene Intrigen übertroffen werde. Vielleicht werden die nächsten vier Jahre eine Klärung bringen. „Es gibt nur einen Adenauer“, meint sein Chauffeur, der selbst Schumacher heißt. Und dieser Schumacher ist überzeugt, daß jener Adenauer ein guter Kanzler sein wird. Claus Jacobi (25. 8. 1949)

Vergessen, daß er Freunde hat

Der Bundeskanzler hat in seiner großen Rede zur „Dritten Lesung“ des Europa-Vertragswerks die ZEIT wegen eines Artikels von Paul Bourdin scharf angegriffen. Bourdin hatte eine „Geheimabmachung über die endgültige Spaltung Deutschlands“ zwischen Franzosen und Engländern angenommen. Er stützte sich auf präzise Äußerungen des amerikanischen Journalisten Kingsbury Smith.

Ich glaube auch, daß Herr Bourdin dem Bundeskanzler diesmal sehr gelegen kam. Wir wissen, daß sich Herr Ollenhauer für seine Rede zur dritten Lesung die Sache Kingsbury Smith ausführlich vorgemerkt hatte und darüber des längeren zu sprechen gedachte. So konnte der Kanzler ihm zuvorkommen: und es schilt sich doch leichter mit einer Zeitung als mit dem Führer der Opposition. Aber: „Brunnenvergiftung“ und „Perfidie“, das ging dem Bundeskanzler doch wohl etwas zu leicht von der Hand. Auch ein Bundeskanzler darf nicht vergessen, daß er Freunde hat, denen er weh tun kann, denn so war es nun einfach nicht gemeint. Gerd Bucerius (26. 3. 1953)