Von Friedrich Denk

Über „die Gewalt, die von Rimbaud ausgeht“, sagte Hugo Friedrich (in der „Struktur der modernen Lyrik“), „daß man dem Phänomen Rimbaud nicht ausweichen kann, das meteorhift kam und versank, aber mit seinem Feuerstreifen noch am Himmel der Dichtung steht“. Wie dankenswert also, wenn einem diese Dichtungen auch im Taschenbuch angeboten werden –

„Sämtliche Dichtungen des Jean Arthur Rinbaud“, deutsche Nachdichtung von Paul Zech; dtv Nr. 117, Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 214 S., 2,50 DM.

In Wirklichkeit aber enthält dieser Band erstens nicht sämtliche Dichtungen Rimbauds, dafür aber mehrere Fälschungen; zweitens ist die Nachdichtung äußerst frei, die Sprache Rimbauds wird mehr oder weniger, meist mehr und manchmal ganz von der Paul Zechs überlagert; drittens ignoriert die Ausgabe die Ergebnisse der neueren Forschung über Zusammenhang, Entstehungszeit und Anordnung der Dichtungen; und viertens enthält der Band auch noch eine Reihe ärgerlicher Fehler. Und das, obwohl zwei vorzügliche französische Ausgaben vorliegen, aus denen ein Herausgeber alles Wissenswerte leicht entnehmen könnte (Classiques Garnier und Pléiade).

Es macht einen Band natürlich besonders attraktiv, wenn er ein Gesamtwerk bieten kann. Bei Rimbaud ist das auch ohne weiteres möglich. Doch bei dtv fehlen: das „Album Zutique“, die „Lettre du Baron de Petdechévre“, die Entwürfe zur „Saison en Enfer“, die ersten beiden Stücke der „Suite Johannique“, die fünf lateinischen Kurzepen und die „Bribes“.

Paul Zech nannte seine Nachdichtungen in der ersten Ausgabe von 1927 „Das gesammelte Werk...“; 1948 erschien aus Zechs Nachlaß die Übersetzung der Erzählung „Das Herz unter der Soutane“; dtv hat sie aufgenommen, doch die „gesammelten“ wurden dadurch noch nicht zu „sämtlichen“ Werken, erst recht nicht dadurch, daß auch von den sieben Fälschungen, die 1948 miterschienen waren, sechs abgedruckt wurden, nämlich vier Sonette aus „Reliquaire“: „Die Retorten“, „Die Purpurschnecke“, „Lebenslehre“ und „Blieb nur das Gift“, von denen schon Verlaine die ersten drei als unecht erkannt hatte.

Auch aus der Ausgabe von 1927 wurden vier Fälschungen übernommen: „Lüge des Orients“, „Ich bin mit Fluch geschlagen“, „Mein Herz singt“, „Sommer an der Maas“. Hinzu kommt noch als elfte Fälschung „Rondo“, wohl aus dem unveröffentlichten Nachlaß Zechs.