Von Theodor Eschenburg

Abermals steht in der katholischen Welt die Soziallehre zur Debatte, abermals bahnt sich ein großes Umdenken an, ähnlich jenem, das in der Enzyklika „Rerum Novarum“ Papst Leos seinen ersten konkreten Ausdruck gefunden hatte. Vor diesem Hintergrund gewinnt aufs neue das Bild Carl Sonnenscheins Bedeutung–des großen katholischen Priesters, der sich vor dem Ersten Weltkrieg schon und dann besonders in den zwanziger Jahren wegen seines sozialen Denkens und seines sozialen Handelns einen Namen gemacht hat. Professor Theodor Eschenburg hat diesem mutigen, zeitoffenen Geistlichen in seinem neuen Buch über die Geschichte der Weimarer Republik ein Denkmal gesetzt. Eschenburgs Werk, dem der folgende Auszug entnommen ist, erscheint dieser Tage unter dem Titel „Die improvisierte Demokratie“ im Piper Verlag München.

Das Deutschland der Jahrhundertwende war ein Klassenstaat. Heinrich Mann hat in seinem Roman Der Untertan trotz mannigfacher Übertreibungen und Verzerrungen ein im Kern treffendes Bild der feudal-bürgerlichen Gesellschaft gegeben. Die Karikaturen des Simplizissimus aus jener Zeit wären nicht so wirksam gewesen, wenn sie nicht der Wirklichkeit nahe gekommen wären. Die feudal-bürgerliche Gesellschaft stand dem großen Fragenkomplex, den man als „die soziale Frage“ bezeichnete, Verständnis- und interessenlos, wenn nicht gar feindselig gegenüber. Sie erlebte mit Genuß den ungeheuren wirtschaftlichen Aufstieg dank der rapide wachsenden Industrialisierung, aber sie verschloß die Augen vor den gesellschaftlichen Folgeerscheinungen dieser revolutionären Veränderung der Wirtschaftsstruktur.

Gewiß gab es die Katheder-Sozialisten, den evangelisch-sozialen Kreis und den katholischen Volksverein, aber die landläufige Meinung, auch der maßgeblichen Kreise, war nicht bereit, von dem gesellschaftlichen Wandlungsprozeß Notiz zu nehmen, geschweige denn ihm Rechnung zu tragen. Für das Kastenbewußtsein, das durch alle bürgerlichen Schichten bis tief ins Kleinbürgertum hineinging, war der Lohnarbeiter, der von der Hand in den Mund lebte, ungebildet; er war eine ohne Muße und ohne Zeit zum Nachdenken existierende Pariagestalt. Der Arbeiter stand nicht nur auf der untersten Stufe der Einkommenskala, er galt auch gesellschaftlich als minderwertig und war in den Bundesstaaten durch das Klassen- oder Zensuswahlrecht politisch minderen Rechts. Es gab Herren und Knechte, und dieser Unterscheidung entsprachen die konventionellen Verkehrsregeln und Gebräuche. Den Arbeitern, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen mußten, bot eigentlich nur die Sozialdemokratische Partei mit ihrem großen Organisationskomplex von Partei, Gewerkschaft und vielfältigem Vereinswesen, eine „Heimat“.

Carl Sonnenschein verdammte die feudalbürgerlichen Vorstellungen und machte aus dieser Verurteilung auch öffentlich keinen Hehl. Das war in dieser Deutlichkeit und Eindringlichkeit, die vor gezielten Angriffen nicht zurückscheute, für einen katholischen Priester jener Zeit in Deutschland eine ungewöhnliche Haltung. Er konnte einfach durch den Glauben nicht den gesellschaftlichen Zustand ertragen, in dem er lebte. Den Herrenstandpunkt und das Herrendasein, aber nicht minder die soziale Indolenz empfand er zutiefst als unchristlich. Er sprach von „gesellschaftlichem Heidentum“.

Mit konstellationsbedingten Abschlagszahlungen an die Arbeiterschaft, wie es die Auffassung mancher Zentrumspolitiker war, sei es nicht getan. Auch dürfe Mitleid nicht Triebkraft und Maßstab sozialer Haltung und Leistung sein, sondern diese müsse die ursprüngliche christliche Nächstenliebe bilden, die weithin verdrängt und verschüttet sei. Christliche Religiosität könne ohne soziales Verhalten nicht mehr bestehen. Sonnenschein wollte das „soziale Bewußtsein“ wecken, wobei er „sozial“ nicht definierte, es aber immer von neuem an zahllosen eindrucksvollen Beispielen aus dem Alltag illustrierte. Soziales Verhalten schien ihm danach die echte und uneingeschränkte Anerkennung der gesellschaftlichen Gleichberechtigung aller Volksschichten, ihre gesellschaftliche und politische Integration in den Nationalstaat zu erfordern. Die Integrationsinitiative muß von bürgerlicher Seite ausgehen.

Sonnenschein in selbst hat das soziale Bewußtsein nicht nur gepredigt, sondern auch in diesem Bewußtsein gelebt und gewirkt. Zeit, Kraft und Geld stellte er bis zur letzten Ausschöpfung in den Dienst seiner Aufgabe. Rastlos – aber ohne sterile Betriebsamkeit – kannte er keine Muße, kam er mit ganz wenig Schlaf aus. Er schien nie müde zu sein, konnte aber immer schlafen, wo sich die Gelegenheit dazu bot. Durch seine Hilfsbereitschaft hatte er fast ständig Schulden. Er lebte völlig bedürfnislos, asketisch, aber nicht um der Askese willen. Er hatte kein privates Interesse, bediente sich jedoch der jeweils modernsten technischen Einrichtungen und Mittel, um sein eigenes Arbeitspotential zu steigern. Er litt weder unter Mangel noch unter Überfluß. Tagelang, auch wochenlang, konnte er sich nur kümmerlich ernähren.