Von Rüdiger Altmann

Inzwischen ist es in Bonn schon fast konventionell geworden, Bedenklichkeiten über die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten der Bundesrepublik, den Zustand unserer Außenpolitik, die Chancen des künftigen Kabinetts Erhard auszutauschen. Entsprechung ist die Neigung gewachsen, die Verantwortung für das, was heute ungewiß und problematisch geworden ist, auf das Konto Adenauers zu buchen. Eine solche Kritik ist nicht nur hilflos, sie ist auch oberflächlich. Denn einige der wichtigsten Ursachen für die gegenwärtige Labilität unserer Politik – die geistige Erschöpfung unserer Gesellschaft, die Abwesenheit konstruktiver Ideen, die Schwäche des Parlamentarismus, das immer stärkere Hervortreten der organisierten Interessen – sind nicht einmal typisch für die Lage der Bundesrepublik, sie sind eine europäische Erscheinung.

Wir müssen uns auch klarmachen, daß die Rolle des sogenannten „großen Mannes“ sich nachträglich immer als kostspielig erweist. Solche Männer sammeln keine großen Vermögen für ihre Nachfolger. Wer ihr Erbe antritt, kommt oft genug nur knapp am Nachlaßkonkurs vorbei. Außerdem ist historische Größe ein relativer Begriff. Sie muß in Beziehung gesetzt werden zu einer objektiven Situation.

Was Adenauer 1949 übernahm, war nicht einmal ein Staat, sondern lediglich das, was vom Deutschen Reich übriggeblieben war. Er konnte keine großen Ideen verwirklichen, denn es waren keine da. Von einem bedeutenden Ringen politischer Kräfte in der Bundesrepublik konnte keine Rede sein. Aus dieser Perspektive mag es schon heute zweifelhaft sein, ob Adenauer ein schöpferischer Staatsmann oder nur ein Vollzugsgehilfe der geschichtlichen Entwicklung gewesen ist. Wenn man diese Frage stellt, so liegt darin weder eine nachträgliche Polemik noch Blindheit vor seiner persönlichen Leistung, die mühsam genug gewesen ist.

Der Mann, der Westdeutschland aus dem Ruin des Zweiten Weltkrieges herausführte, schloß damit eine Epoche der deutschen Geschichte ab. War er darüber hinaus – in seinem hohen Alter, geprägt von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – in der Lage, Neues zu sehen und richtig einzuschätzen? Hat nicht seine Partei, hat nicht die deutsche Öffentlichkeit zuviel von ihm erwartet? Solche Fragen mögen seine Bedeutung reduzieren, aber sie reduzieren damit auch die nachträgliche Kritik an seiner Person und an seiner Leistung.

Tatsächlich war Adenauers Politik an ihrer Grenze angekommen. Sie hatte mehr und mehr an Dynamik, auch an Überzeugungskraft verloren. Seit den Bundestagswahlen 1961 war das politische Klima der Kanzlerdemokratie verbraucht, nicht einmal die Spiegel- Affäre konnte sich zu einer reinigenden Krise entwickeln. Damals – im Winter 1962/63 – machte Adenauer den letzten Versuch, seine Position von neuem zu stabilisieren. Die große Koalition, die er überraschend und hinter dem Rücken seiner Partei den Sozialdemokraten anbot, war gewiß nur taktisch gemeint, genauso wie 1959 seine Option auf das Amt des Bundespräsidenten. Sie scheiterte an der Ängstlichkeit der Sozialdemokraten, vor allem aber auch daran, daß sein taktischer Spielraum zu gering geworden war. Er hatte keine Zeit mehr; seine Uhr war abgelaufen. Er hatte nicht die Kraft, sie neu aufzuziehen. Aber auch wenn sie ihm gelungen wäre, wäre die große Koalition nur der Winterschlußverkauf der Kanzlerdemokratie geworden.

Hier, in dieser Situation, und keineswegs nur in seinem hohen Alter oder in den Fehlern seiner Politik, liegt die Ursache für seinen Rücktritt, der eher ein bloßes Abtreten genannt werden müßte. Adenauer war nicht mehr der Lotse seiner Partei, und sie spürte das, auch wenn sie es nach außen und vor sich selbst bestritt. So war es nur folgerichtig, daß Konrad Adenauer an der Frage seiner eigenen Nachfolge scheiterte. Er hatte sich selbst überlebt.