Alle schimpfen über den Rummel – und jeder fährt immer wieder gern hin

Von Petra Kipphoff, Rudolf Walter Leonhardt, Dieter E. Zimmer

Wird’s bei Frankfurt bleiben?

Das alte Bild, zum fünfzehntenmal und sicher ganz anders als beim erstenmal, größer, bunter, gedrängter. Aber da dem Gedächtnis die jüngste Erinnerung am nächsten liegt, vergleicht es mit dem des Vorjahres und bemerkt wenig Unterschiede: 1271 Stände, vom R. Brockhaus Verlag, Wuppertal (Stand Nummer 1), bis zu Mairs Geographischer Verlag, Stuttgart (Stand Nummer 1271), in fünf Hallen, von der kioskartigen Einzelkoje des Kleinverlages, die für 600 DM Miete zu haben ist, bis zur großzügigeren Doppelkoje à 1500 Mark: Bücher, Bücher, Bücher ... Menschen, Menschen, Menschen – große und kleine, schreiende und vornehm zurückhaltende, erfolgreiche und vergebens des Erfolgs harrende; ein paradiesisches Inferno, ein infernalisches Paradies.

Messemüde Mitmenschen können die begeisterten Lobesworte, welche am Anfang erklingen, am Ende nicht wiederfinden. Und das ist schade: Denn wenn eine internationale Buchmesse sein muß (was eigentlich von keinem der wirklich Beteiligten ernsthaft bezweifelt wird), dann kann sie nicht besser gemacht werden als die in Frankfurt.

An dieser Tatsache sind bisher auch alle Pläne gescheitert, die Buchmesse in jedem Jahr in einer anderen Stadt Europas abzuhalten. Der jüngste Plan: nächstes Jahr im Juni wird eine Super-Buch-Schau im riesigen Ausstellungsgelände von Earls Court (London) stattfinden. Aber nicht einmal die englischen Verleger, bei denen sich Anti-Frankfurt-Gefühle am deutlichsten beobachten lassen, glauben daran, daß London so schnell eine ernst zu nehmende Konkurrenz für Frankfurt werden kann.

Dennoch wären die Stadtväter gut beraten, nicht unverbrieften Rechten zu vertrauen und Klagen nicht allzu leicht zu nehmen – Klagen wie: Es gibt für den Messebetrieb zu wenig Taxis in einer Stadt, wo sich die Benutzung des eigenen Autos dem Ortsfremden besonders wenig empfiehlt. Oder auch: Die Terminwünsche des Börsen Vereins sollten sehr sorgsam erwogen werden, Mitte Oktober ist eben eigentlich doch zu spät im Jahr – obwohl viele Verleger noch immer nicht fertig geworden waren und große Mengen jener mühelosen Lektüre ausgestellt hatten, welche aus einem erwählten Umschlag besteht, der gänzlich unbeschriebene Blätter in sich birgt.

Andere Zwecke

Aus der feierlichen messa wurde der damit verbundene Jahr-Markt, aus dem Jahr-Markt der Rummel. Von Jahr zu Jahr weniger erfüllt die Frankfurter Buchmesse den eigentlichen Zweck, zu dem sie 1949 ins Leben gerufen wurde: dem Buchhandel einen Überblick über die Neuerscheinungen der Saison zu ermöglichen, eine bequeme Gelegenheit zur Besichtigung und zur Bestellung zu sein. Sie erfüllt dafür viele andere.

Der Buchhändler, der heute nach Frankfurt kommt, weiß längst, was ihn erwartet, seit Monaten schon kommen ihm Verlagsvertreter, Prospekte, Leseexemplare und Vorschlagslisten ins Haus, seine Auswahl ist bereits getroffen, seine Bestellungen sind aufgegeben, allenfalls für ein paar Nachbestellungen bietet sich die Messe noch an – weil eben beispielsweise Friedenthals Goethe noch besser ging als vorauszusehen war.

Dafür gewinnt das Drum und Dran immer mehr an Gewicht – der Alkoholkonsum, die Verhandlungen zwischen Verlegern und Agenten, zwischen Nebenrechte-Verkäufern und Copyright-Inhabern, zwischen Druckern und Verlegern, der Verzehr dekorierter Schnittchen, Autorenlesungen, Randdiskussionen, Fernsehinterviews, die hektische Produktion von Gerüchten. Verschämt und apologetisch stehen die hunderttausend Bücher an den Wänden ...

Gerüchte

Mit dem deutschen Times Literary Supplement soll es nun aber ernst werden. Außerdem wird eine neue literarische Zeitschrift gegründet. Wissen Sie, was S. Fischer für die Rechte an den Chaplin-Memoiren bezahlt hat? Sie könnten sich eine Villa davon bauen. Fidel Castro hat für Feltrinelli die Abenteuer seines wilden Lebens, vom Klosterschüler zum kommunistischen Diktator, beschrieben. Ausländische Geldgeber mit schier unerschöpflichen Reserven kaufen durch einen Mittelsmann alle attraktiven Taschenbuchrechte auf und zahlen für einen einzigen Titel 80 000 Mark. A geht von X weg, B übernimmt die Leitung bei Y – und wo steckt eigentlich Schönauer?

Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte. Wo kommt der Rauch her? Ist’s ein Brand, ist es ein Kaminfeuerchen? Ist immer „was dran“ an allem, was den am Jackettärmel Gezupften in irgendeiner Ecke heimlich ins Ohr geflüstert wird? Wir werden’s früh genug erfahren.

Im übrigen hat S. Fischer für die Chaplin-Rechte wirklich ein kleines Vermögen bezahlt; werden Pläne, mit Unterstützung der Verleger, den Literaturteil einer deutschen Zeitung zu etwas wenigstens in der Quantität der literarischen Times Vergleichbarem auszubauen, in der Tat wieder einmal diskutiert; gibt es sogar diese Lebensbeschreibung von Fidel Castro, wenn sie auch einem der Landessprache Kundigen, der einen Blick hineintun durfte, nicht jene sensationellen Aufklärungen zu enthalten schien, die er sich davon versprochen hatte.

Erschreckende Statistik

Für die Autoren sprach Hans Erich Nossack in seiner Eröffnungsrede: „Es ist nicht angenehm, plötzlich erfahren zu müssen, daß man nichts ist als ein zweifelhafter Börsenkurs ... Als Autor wird man sofort vom Zweifel an der Notwendigkeit des eigenen Buches gepackt...“

Auch als Leser rechnet man besser nicht zu genau nach. Etwa achtzehntausend deutsche Neuerscheinungen im Jahr: Gibt man jeder im Durchschnitt zweihundert Seiten und erfindet man einen imaginären Leser, der nichts zu tun hat als zu lesen, vierzig Seiten die Stunde, fünfundvierzig Stunden die Woche, so brauchte dieser etwa vierzig Jahre, um alles zur Kenntnis zu nehmen; oder zweihundert Jahre, um sich durch das ganze in- und ausländische Angebot einer Messe hindurchzulesen.

Dennoch ist jede Messe immer größer als die vorangegangene. Die vom Börsenverein herausgegebene Broschüre „Buch und Buchhandel in Zahlen“ ist eine einzige Sammlung von Wachstumsraten. 1949 waren 205 (ausschließlich deutsche) Aussteller in Frankfurt, 1962 waren es 2128, in diesem Jahr über 2160, davon zwei Drittel ausländische.

Von den 22 615 neuen Büchern (4761 Neuauflagen, 17 854 Erstauflagen) fällt der Löwenanteil ins Gebiet der Belletristik (21,9 Prozent), es folgen religiöse und theologische Bücher mit 7,5 Prozent; die kleinste Sachgruppe ist die Mathematik (0,6 Prozent).

In der internationalen Buchproduktion steht die Bundesrepublik hinter der UdSSR, Großbritannien und Japan nach wie vor an vierter leiters Joachim Kaiser saßen konträre Temperamente, Günter Grass und Walter Jens) wurde die paradoxe Situation beleuchtet: daß Schriftsteller, die sich im eigenen Land als Oppositionelle sehen, im Ausland wohl oder übel und ob sie wollen oder nicht zu Repräsentanten werden, und zu um so glaubwürdigeren Repräsentanten, je rücksichtsloser sie zu Hause ihre Meinung kundtun; und daß es gerade die regionalistische (und nicht die „ubiquitäre“, um das umständliche, aber treffende Wort zu zitieren) ist, die das Zeug zur Weltliteratur in sich hat – von Nickelswalde nach Chikago, Illinois.

„Weltgeltung“ läßt sich nicht messen, und daß „08/15“ in vielen Ländern ein Bestseller war, besagt wenig über das Ansehen der deutschen Literatur im Ausland. Aber daß sich in den letzten Jahren einiges ganz entschieden geändert hat, ist mit Händen zu greifen: Eine lange Artikelserie der ZEIT mit Berichten aus vielen Ländern hat es im einzelnen nachgewiesen, aber auch auf der Messe ist es immer deutlicher zu spüren – nämlich daß deutsche Autoren und ihre Verleger wieder umworben werden. Allein in Frankreich sind erschienen oder werden erscheinen: Günter Grass, Uwe Johnson, Peter Weiss, Reinhard Lettau, Ernst Augustin, Jürg Federspiel, Bernhard Thomas, Alexander Kluge und Peter Faecke, von den älteren Autoren (Musil, Broch, Jahnn, Gütersloh) gar nicht zu reden. Ob es Günter Grass behagt oder nicht, Oskar Matzerath hat für die deutsche Literatur getrommelt.

Um so bedauernswerter (aber wohl unvermeidlich) ist es, auch das wurde auf der Messe immer wieder gesagt, daß die neue deutsche Lyrik weder im Inland noch im Ausland das verdiente Echo findet.

Verhinderter Messebesucher?

Am 9. Oktober bestätigte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, daß der Direktor des Ostberliner „Verlags der Nationen“ und stellvertretende Vorsitzende des sowjetzonalen Börsenvereins Günter Hofe am 6. Oktober bei der Einreise in das Bundesgebiet festgenommen worden sei. Hofe wird verdächtigt, Agent eines östlichen Nachrichtendienstes zu sein.

„In Karlsruhe wurde weiter mitgeteilt“, so schrieb dpa, „daß die Festnahme jedoch in keinem Zusammenhang mit der angeblichen Absicht Hofes steht, die Frankfurter Buchmesse aufzusuchen.“

Von dem Protest des Ostberliner Außenministeriums fühlte sich das Auswärtige Amt in Bonn „nicht angesprochen“. Was einer allgemeinen Stimmung und Haltung zu entsprechen scheint, denn die Zeitungen ließen sich nur widerstrebend herbei, diesem Ereignis einige Zeilen zu opfern (eine löbliche Ausnahme machte mal wieder die Süddeutsche Zeitung), manche fanden es noch besser, es überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen, und ein Kollege wußte aus Frankfurt zu berichten: „Einen rechten Gesprächsstoff ergab das Ereignis nirgends.“

Man muß es unter diesen Umständen dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels hoch anrechnen, daß er telegraphisch in Karlsruhe um eine schnelle Klärung des Falles bat.

Aber auch das wurde kaum wahrgenommen. Ist schließlich kein Gesprächsstoff. .. Und außerdem hatte Hofe, wie wir belehrt wurden, ja ohnehin nur die „angebliche Absicht“, nach Frankfurt zu fahren. Die nächste Nachricht über diesen Fall steht beinahe schon zu lange aus.

Agenten

Es gibt „Agenten“, die sich offen als solche bezeichnen. Sie eignen sich schon dadurch vortrefflich als graue Eminenzen der Buchmesse. Man wittert da Geheimnisvolles, Drahtzieher hinter den Kulissen, die alle Fäden in der Hand haben und Verlegerpuppen tanzen lassen.

Nun, am Tanzen fehlt’s nicht; auch nicht, an Flüsterunterhaltungen und scheuen Seitenblicken in teppichgedämpften Foyers und Bars. Freilich sind Bars und Foyers doch ziemlich öffentlich. Das Beispiel eines dieser Geheimnisumwitterten, der uns voriges Jahr wissen ließ, er werde sich eine Hotel-Suite mieten und alle Besucher dort empfangen, scheint nicht Schule gemacht zu haben. Und das könnte ängstliche Gemüter eigentlich beruhigen.

Diese Agenten sind einfach (und von ein paar die Sache unnötig komplizierenden Fällen abgesehen): Vertreter englischer und amerikanischer Autoren.

In den angelsächsischen Ländern besteht ja noch immer, auf Seiten der Verleger wie der Schriftsteller, eine gewisse Scheu, in direkte Geschäftsbeziehungen zueinander zu treten. Das hat viele gute und ein paar schlechte Gründe. Nun will’s der Zufall, der freilich kein reiner Zufall sein kann, daß die deutschen belletristischen Verlage angelsächsische Autoren schwer entbehren können. Daher die Starrolle der fünf oder sechs großen Agenten in Frankfurt, die umworben werden wie Filmdivas.

Was hilft das Werben? Nüchterner Geschäftssinn könnte ja sagen: Der tüchtige Agent gibt die Rechte einfach dem, der am meisten dafür bezahlt.

In Wirklichkeit ist dieses (unter seriösen Verlegern verpönte) „Auktionsverfahren“ die Ausnahme (Chaplins Memoiren waren ein solcher Ausnahmefall). Was sich nun wieder daraus erklärt: daß da ja nicht, normalerweise, ein fester Preis gezahlt wird, sondern ein Vorschuß auf zu erwartende Tantiemen. Im Interesse seines Autors muß dem Agenten wichtiger als die Höhe dieses Vorschusses die Überzeugung sein: bei diesem deutschen Verlag ist der Autor, den ich vertrete, am besten aufgehoben – er wird ihn in trefflicher Übersetzung und vorzüglicher Ausstattung an mehr Leser heranbringen als jeder andere. Auch des Agenten eigenes Geschäft hängt ja am Ende nicht von der Höhe der Vorschußleistung ab, sondern vom Verkaufserfolg.

Man kann also ziemlich offen darüber reden – solange nicht der deutsche Verleger X davon reden muß, warum er für den Agentenautor mehr tun kann als sein Kollege Y; aber das führt in Interna.

Naive Frage eines von den Leistungen der deutschen Literatur allzu Überzeugten: Spielt es bei der Entscheidung des Agenten gar keine Rolle, ob vielleicht der deutsche Verleger seinerseits einen deutschen Autor für Amerika oder England offerieren kann?

Nachsichtige Behutsamkeit in der Antwort: Ach, wissen Sie, wo es ums Geschäft geht – es gibt einfach keinen deutschen Autor, der in Amerika oder in England „ein Geschäft“ wäre ...

Von Mikosch zum Playboy

Die Messe, sie ist glücklicherweise zwischendurch auch immer noch Messe mit Kuriositäten und Attraktionen. Die stillen Fanatiker der Ästhetik konnten sich in die Halle 6 zurückziehen, wo sich die „Schönsten deutschen Bücher des Jahres 1962“ hinter Glas verschanzt hatten. Hier wird der Schritt von selber langsamer, der Blick ruht aus auf klarer Schrift, blütenweißem Papier, man möchte diese Exemplare handwerklicher Gediegenheit abtasten, mitnehmen, „Lanzelot und Sanderein“ auf sein Bücherbord stellen und ungezählten Kindern „Mikosch, das Karussellpferd“ schenken.

Dem Drang zum Besitzenwollen kommen andere entgegen. Um eine kleine, nicht eben gepflegt aussehende Koje hängt eine Menschentraube. Durch die Mäntel und Kostüme hindurch sickeit Radiomusik. Man drängelt, schiebt, wird geschoben und weiß auf einmal, warum sich hier vorwiegend männliches Publikum aufhält. Für 4,75 DM („im Laden müssen, sie sieben Mars bezahlen“) verkauft ein strahlender blonder Junge „Playboy“, die amerikanische Zeitschrift für den Herren, mit Photos und allem, was sonst noch dazugehört. Von den beiden Jahresbänden war der eine bereits vergriffen, der andere kurz vor der Neige.

Neue Verlage

Ist die Zeit für Verlagsneugründungen günstig? Sicher nicht. Es sind dies eher die Jahre der Konsolidierung und der Konzentration. Mit jeder Buchmesse nehmen die Prognosen zu, die blutige Machtkämpfe vorhersagen, und in jedem Jahr wächst die, Liste der Verlage, die zum Verkauf stehen oder gestanden haben oder stehet sollen – begreiflicherweise ist es eine imaginäre Liste, nur mit Gerüchten bestückt, denn die betroffenen Verleger üben in diesem Punkt natürlich, lieber Diskretion.

Neu auf dieser Messe, im übrigen aber bei Freund und Feind längst bekannt, war der Münchner Szczesny Verlag, über seinen Leiter, Dr. Gerhard Szczesny, mit der Humanistischen Union verschwistert und, was heute selten sein soll, im Besitz eines definierbaren und definierten Programms. Kein Produktionszwang hat bisher dazu gezwungen, es zu verwässern; reinsten Ausdruck findet es in dem gerade erscheinenden ersten „Jahrbuch für kritische Aufklärung – Club Voltaire“: Hier werden Autoren vereint, „deren Wirkung die vorgeschobensten Positionen westlichen Erkenntnis- und Humanitätsstrebens markiert, sich aber außerhalb der christlichen Glaubensvorstellungen vollzieht“.

Nicht weniger deutlich, wenn auch weniger kriegerisch, sind Programm und Profil des Amadis Verlages, eines Geminationsproduktes des Karlsruher Stahlberg Verlages. Sein Signet: ein Hahn, zugleich gallischer Hahn und Symbol der Wachsamkeit und des Draufgängertums. Und ein Hahn findet sich auch auf allen seinen farbigen Umschlägen, einmal von Picasso, einmal von Lurçat, einmal von Ferracci. Der Vorrat, heißt es, ist noch groß. Bisher einziges Verlagsobjekt des Amadís Verlags: eine Buchreihe „Prosa aus Frankreich“, ein Querschnitt durch die gesamte französische Literatur von ihren Anfängen bis heute, die Epochen bunt gemischt. Hält die Reihe innerlich und äußerlich, was ihre ersten fünf Bände versprechen, so gehört keine Clairvoyence dazu, ihr und damit ihrem Verlag Erfolg zu prophezeien.

Zum ersten Male auf der Messe, obgleich schon über ein Jahr alt, war Gotthard de Beauclairs Verlag Ars librorum, ein außerordentlich riskantes Unternehmen – denn kann es heute, da das Buch zu einem Massenprodukt geworden ist, noch gelingen, für kostbarste Pressendrucke in einer sorgfältigst auf den Inhalt abgestimmten Typographie genügend Interessenten zu finden? Vielleicht liegt Beauclairs Chance gerade darin, daß er, ein Verteidiger traditionsreicher Buchkultur, gegen den Strom der Zeit schwimmt.

In einer kleinen Koje, etwas abseits, schließlich noch der neue Gotthold Müller Verlag aus München. Er ist nur wenig jünger als seine Schwesterfirma, der Johann Froben-Verlag, der Schriften der Reformation und des Humanismus in Faksimile-Ausgaben herausbringt, aus Liebhaberei und nicht, weil es dafür eine Konjunktur gäbe. Gotthold Müller, selber ein Mann des Widerstands gegen Hitler, verlegt jetzt unter seinem Namen vor allem eine überarbeitete Fassung von Eberhard Zellers Buch über den 20. Juli. Weiter stehen die Nachlaßwerke Ortegas, ein Opern- und Operettenführer und eine Biographie der Milena Jesenská auf dem Programm, Kafka-Lesern wohlbekannt, verfaßt von Margarete Buber-Neumann, die der Pragerin 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück begegnete.

Alle diese neuen Verlage bemühen sich um das eigene Profil, die Unverwechselbarkeit. Allein genügt das noch nicht; der vor einem Jahr an dieser Stelle vorgestellte Rheinsberg Verlag ging zusammen mit dem nicht minder markanten Kinderbuchverlag Georg Lentz inzwischen in den Konkurs. Andererseits ist es die einzige Möglichkeit, sich zwischen den Großen vielleicht noch zu behaupten – und unter den Büchermachern gibt es noch immer Leute, deren Eigensinn stark genug ist, es auf den Versuch ankommen zu lassen.

Kampf um Taschenbuch-Macht

Der Machtkampf unter den Taschenbuchverlegern ist ausgebrochen. Er spielt sich vor allem auf dem Lizenz-Markt ab – und die Taschenbuchindustrie hat einen immer größer werdenden Lizenzhunger: Immer kleiner wird die Zahl der „taschenbuchfreien“ Verlage, die Rechte zu verkaufen haben; immer größer die Zahl der Taschenbuchreihen.

Bis vor kurzem noch herrschte Burgfriede; da die konkurrierenden Unternehmen alle etwa nach den gleichen Wettbewerbsbedingungen angetreten waren und gleich scharf zu kalkulieren hatten, konnten sie sich beim Einkauf von Lizenzen nicht kraß überbieten. Noch bis vor wenigen Monaten waren elf, zwölf, dreizehn oder vielleicht auch einmal fünfzehn Pfennig Lizenzgebühr pro Taschenbuchexemplar das Normale; auf diesem Satz ruhte die Kalkulation der Verlage, und nur die Platznot des Buchhandels und die steigenden Kosten im graphischen Gewerbe wirkten bremsend. Dann trat plötzlich ein neuer Taschenbuchproduzent auf den Plan, und mit einem Mal war das scheinbar ganz stabile Gleichgewicht erschüttert.

Die Rede ist von Droemer/Knaur, der den etablierten Taschenbuchverlagen eine Lizenz nach der anderen vor der Nase wegkaufen konnte, nicht nur, weil er die bislang üblichen Vorschüsse überbot, sondern weil er auch ganz andere Lizenzgebühren zu zahlen bereit war. Zwanzig, dreißig, sogar vierzig Pfennig sollen jetzt offeriert worden sein – und welcher Verleger, der Nebenrechte zu vergeben hat, könnte dem widerstehen?

Die älteren Taschenbuchverlage, die sich von einem Neuankömmling solchermaßen in die Enge getrieben sehen, stellen denn auch ihre Mutmaßungen an. Hat man bei Droemer den Stein der Weisen gefunden? Oder sich einfach verrechnet? Oder mehr zugetraut, als man sich im Ende leisten kann? Verdient der Verlag an seinen Nachschlagewerken so viel, daß er sich für einige Zeit auf derartig abenteuerliche Kalkulationen einlassen kann? Ist fremdes Kapital im Spiel? Ausländisches etwa? Die Frankfurter Buchmesse ist eine Brutstätte für Gerüchte, Hypothesen und Dementis.

Partys

Das bißchen Charakter, das Journalisten anderslautenden Vermutungen zum Trotz noch haben, wird in Frankfurt planmäßig ausgelaugt – die Lauge gehorcht der chemischen Formel CHs–CH hoch 2 OH. Immer mehr Verleger laden „die Damen und Herren der Presse“ zu sich ins Haus oder, wo sie kein Haus haben, zu sich ins Hotel und bewirten sie dort fürstlich. Manchmal müssen sich die Damen und Herren von der Presse dafür ein paar Vorträge oder Reden anhören – und nicht alle sind so amüsant und hörenswert wie die von Walter Jens auf der Piper-Party im Hotel Savigny oder die van Gerd Bucerius auf der STERN-Party im Hessischen Hof. Zu der exklusiven Suhrkamp-Party geladen zu werden, bedeutet seit langem eine besondere Auszeichnung; die weniger exklusive Fischer-Party ist darum nicht weniger begehrt. Hansers stellten ihre Autoren vor auf einer Party, die Deutsche Grammophon-Gesellschaft gab eine Party, und zur Luchterhand-Party kamen so viele, um Günter Grass zu sehen, daß manche Party-Gäste nur noch Party-Gäste und sonst gar nichts mehr gesehen haben. Schilderte einer von uns diese Partys zu unfreundlich, dann wäre er undankbar; schilderte er sie zu freundlich, dann wäre er bestechlich. Das bißchen Charakter ist also in jedem Falle gefährdet. Im übrigen gehören diese Partys durchaus ins Bild, sie sind ein Teil der Buchmesse und sollten es ruhig auch bleiben. Wer sie nicht mag, braucht ja nicht hinzugehen.

Deutscher Erzählerpreis

In frankfurtgerechter Weise – auf einer Party also, im „Hessischen Hof“ auch noch, wo kalte Küche und wohltemperierter Keller das Bes:e boten – verlieh Verleger Dr. Gerd Bucerius den Deutschen Erzählerpreis, den vor Jahresfrist die illustrierte Zeitschrift „Der Stern“ ausgesetzt und fürstlich dotiert hatte. Die Preisträger erhielten einen Scheck; dazu, soweit sie weiblich waren, Blumen und zwei Wangenküsse. Zwei der fünf Preisträger waren weiblich – was darauf zurückgeführt worden ist, daß alle sieben Juroren männlich waren.

Aus mehr als zweitausend eingegangenen Manuskripten hatten diese sieben Juroren, unterstützt von dreißig Lektoren, fünf für preiswürdig befunden. Das Gerücht behauptet, ausländische Verleger hätten gleich eine Option auf alle preisgekrönten Manuskripte gekauft. Deutsche Verleger waren zurückhaltender – aber auch wieder nicht so zurückhaltend, daß einer der Preisträger Sorgen hätte, wo er denn nun seinen preisgekrönten Roman veröffentlichen sollte.

Die Juroren hatten entschieden, daß sie den ersten Preis (50 000 DM) nicht verleihen wollten, da keines der eingereichten Manuskripte hoch genug über den anderen stand, um die Differenz zum zweiten Preis (20 000 DM) oder zum dritten (10 000 DM) zu rechtfertigen. Es wurde jedoch die volle, auf 100 000 DM erhöhte, Preissumme verteilt – nämlich: drei zweite Preise à 20 000 DM, zwei dritte Preise à 10 000 DM, zwanzig Förderpreise à 1000 DM.

Mit einem zweiten Preis ausgezeichnet wurden: Gisela Maria von Frankenberg für ihren Roman „New York 61. Straße“, die psychologisch eindringliche Studie des Liebeslebens einer Frau, verwoben mit einer erzählten Topographie der Stadt New York und in Form gebracht mit Hilfe eines erlebnisstrotzenden Handlungsablaufs;

Franz-Karl Franchy für seinen Roman „Luka und der Jude“, der humorvoll berichteten Geschichte einer jüdischen Familie in Siebenbürgen und ihrer Auseinandersetzungen mit der etablierten Gesellschaft im allgemeinen, dem Hausbesitzer Luka im besonderen, die aufhört, als mit Hitler und seinen Schergen der Humor aufhörte;

Ursula Sigesmund für ihren Roman „Bedrängte Zeit, vergeh“, der – viel weniger kitschig als sein Titel – vom Schicksal eines deutschen Mädchens während des letzten Krieges (vor allem) erzählt, mit angenehm verhaltenem Gefühl und ohne jedes Selbstmitleid.

Zwei dritte Preise fielen auf Romane, die mehr versprachen, als sie schon halten konnten:

„Schaukelstühle“ von Daniel Christoff, Versuch einer künstlerischen Aufwertung der Reportage mit dem Thema von Deutschland nach Deutschland, Flucht durch die Mauer, Entsetzen im Osten, Enttäuschung im Westen;

„Die vier Brüder“ von Felix Rode, der Reportage, dem Tatsachenbericht noch näher, in der Form zuweilen indiskutabel, seitenweise freilich auch erstaunlich geprägt, in der Thematik hinreißend und erschütternd: der Tod, gesehen aus der Perspektive derjenigen, die täglichen Umgang mit ihm pflegen müssen, der Krankenschwestern und Stationsärzte.

Alle an dem Unternehmen Beteiligten sind sehr gespannt, wie diese Manuskripte sich eines Tages als Bücher ausnehmen werden.

Tototips im literarischen Rennen:

„New York 61. Straße“ – mindestens ein Skandal-Erfolg, aber schade, wenn’s nicht mehr würde;

„Bedrängte Zeit, vergeh“ – der sicherste Kandidat für einen sicheren Platz;

„Luka und der Jude“ – alles drin, zwischen zweitem Schiwago und völlig unbeachtetem Buch;

„Schaukelstühle“ – es müßte sehr dran gearbeitet werden, dann wäre schon vom Thema her der Erfolg garantiert;

„Die vier Brüder“ – wenn ein Verlag es wagt, dem Buch seine Substanz zu erhalten, und es dennoch druckbar machen kann, geht da eine Bombe hoch.

Wir werden sehen – vielleicht schon nächstes Jahr, zur Messe.

Der Friedenspreisträger

Die Paulskirche zu Frankfurt muß leider zu den häßlichsten öffentlichen Gebäuden des Landes gezählt werden. Eine Bahnhofshalle wirkt anheimelnd gegen diese Mischung aus Montagehalle und Mausoleum, deren einstmals weißgekalkte Wände rissezerfurcht sind und von deren Kuppel aneinandergehäkelte Neonröhren schlangenartig herunterhängen. Tradition muß dort (wie so häufig) Schönheit ersetzen.

In der Paulskirche wurde, wie immer, am Sonntag der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen, in diesem Jahr an Professor Carl Friedrich von Weizsäcker, den Physiker und Philosophen – so ist die Reihenfolge, und ihre Umkehrung im Text der Urkunde hängt vielleicht mit einer deutschen Prestige-Skala zusammen, entspricht aber nicht dem curriculum vitae.

In Weizsäcker wurde der Gelehrte geehrt, „der der Jugend unseres Landes als akademischer Lehrer das unbedingte Streben nach Wahrheit vorlebt“. Streben, unbedingt, Wahrheit – das sind intensive deutsche Worte, aber eben vorwiegend intensiv und beinahe unumschränkt verwendbar.

Im Falle Weizsäckers hätte es so viele andere, konkretere Worte gegeben, um das Besondere dieses Mannes anzudeuten, die erregende und gewöhnlichen Menschenverstand übersteigende Universalität dieses Geistes zu würdigen.

Es ist ungewiß, welchen Dienst die Wahrheitssucher dieser Welt erweisen, aber es ist gewiß, daß diese Welt, um weiterhin existieren zu können, Menschen braucht wie Weizsäcker, der eben nicht nur guten Willens sondern auch noch klaren Verstandes ist, der nicht zwischen sondern über den Fakultäten steht, der vermitteln kann im Sprachgewirr der Spezialisten.

Weizsäcker, mit einundfünfzig Jahren bisher der jüngste Preisträger, hielt die konkreteste Festrede, die wohl je in Frankfurt gehört wurde. Er erschreckte, sein Publikum sogar zunächst ein wenig durch die scheinbare Simplizität seiner drei Thesen, die er an den Anfang stellte:

1. Der Weltfriede ist notwendig.

2. Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter.

3. Der Weltfriede fordert von uns eine außerordentliche moralische Anstrengung.

Doch dann spielte er diese drei Thesen mit allen praktischen Variationen durch, nannte Beschränkung der Geburtenzahl wie Planung des Bildungswesens, appellierte nicht, mahnte nicht, forderte nicht, legte nur dar, was ist, was sein muß, wenn es weitergehen soll, erlaubte sich nur im Schlußsatz die Hoffnung auf ein „zu Opfern bereites Bewußtsein, daß Krieg nicht mehr sein darf“ – und entließ seine Hörer aus diesem vorzüglichen Kolleg über den Frieden mit einem „das war’s, was ich Ihnen heute sagen wollte“. Stelle; wobei zu beachten ist, daß der Anteil der technischen Bücher in der UdSSR unwahrscheinlich hoch ist, nämlich 50,1 Prozent (in der Bundesrepublik liegt er bei 8,5 Prozent).

Repräsentant Grass

„Hat die deutsche Literatur wieder Weltgeltung?“ lautete der Titel einer Fernsehdiskussion, die der Hessische Rundfunk während der Messe für seine Sendereihe „Das Podium“ aufzeichnete. Von vielen Seiten und nicht ohne Sticheleien (denn beiderseits des Diskussions-