Der Alte bedankte sich "beim Bundestag und unserem deutschen Volk", stieg vom Podium, nicht hinauf zum Platz des Bundeskanzlers, sondern hinab auf den Platz, den der Abgeordnete Adenauer von jetzt an einnehmen wird.

Dort oben, auf dem alten Platz habe ich ihn sitzen sehen, während zwölf der vierzehn Jahre, in denen Adenauer regiert hat, wie nie ein demokratischer Staatsmann zu regieren wußte. Punkt neun Uhr, wenn der Gong den Eintritt des Bundespräsidenten kündete, war er stets zur Stelle. Er stand auf, um den Präsidenten zu begrüßen, mit mürrischem Gesicht, wenn es – ein wenig gespreizt – Gerstenmaier war, spöttisch blinzelnd, wenn Carlo Schmid pathetisch zum Podium schritt. Sich beugen, um anderen Ehre zu erweisen, das fiel ihm schwer.

Das Wesen keines anderen Deutschen ist so in unser aller Leben eingeflochten wie dieses. In der Welt war er bekannter als irgendein anderer Staatsmann. Man konnte ihn bewundern, ja lieben – oder aber hassen – gleichgültig ließ er keinen. Die ihn liebten, haben ihn zu Zeiten oft am mächtigsten gehaßt. Viele haben gerast, wenn er sie mit mächtiger Geste – und dürrem Wort – zum Schweigen brachte (nur wenige wissen, daß dieser große Mann in der persönlichen Begegnung auch dem Geringsten gegenüber von respektvoller Höflichkeit war).

Aufgerührt wurden unsere Gefühle noch einmal, als Gerstenmaier vor dem Kanzler und dem Hause würdig und wägend die Bilanz der 14 Adenauer-Jahre zog – und mit großer Geste den Abgeordneten Adenauer auf seinen neuen Platz entließ. So hart kann kein Herz sein, daß es nicht der Schmerz ergriff, als der Alte jetzt doch – sehr spät – den Platz verließ, den er so lange rechtens gehalten hat. Mancher Kummer der letzten Jahre ist vergessen. Adenauer braucht das Urteil der Geschichte nicht zu scheuen. Er war der Größte unserer Zeit. Gerd Bucerius