Von Golo Mann

Ein ernster Moment, ohne Zweifel, den man recht tut, würdig zu begehen. Freilich ist es zu früh, das Werk Adenauers „historisch einzuordnen“, und auch nach Jahrzehnten noch werden die Urteile schrill durcheinandergehen. Das Danachkommende, entscheidend wie es ist, kann doch nicht eindeutig wirken. Machen die Nachfolger es schlechter, brechen neue Wirren auf, so wird es, wie nach Bismarcks Sturz, heißen: Dahin hätte Adenauer es nicht kommen lassen, und wird man ihn mit den Epigonen kontrastieren; oder auch, wieder wie nach Bismarcks Sturz, man wird sagen, da sehe man, wie schlecht er für sein Erbe gesorgt habe. Machen sie es gut, so mag man es dem großen Vorgänger kreditieren oder nicht, je nach Geschmack.

Ebenso wird nie zu entscheiden sein, inwieweit er verursachend und fordernd gewirkt hat, und was auch ohne ihn gekommen wäre. Das „Wirtschaftswunder“, wird man argumentieren, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, wäre auch ohne ihn gekommen, das lag in der Zeit und kam anderswo auch. Ebenso mag man die Teilung Deutschlands in der Situation des Jahres 1945 als unvermeidlich angelegt betrachten oder wird sie vor allem ihm ankreiden, weil sie, und sie allein, seinen Aufstieg zur Macht ermöglichte und weil er, ohne sie zu wünschen, nicht eben energisch gegen sie arbeitete, aber sehr energisch in einer anderen Richtung. Welche Möglichkeiten in den frühen fünfziger Jahren für einen gesamtdeutschen Staat bestanden hätten, könnte erst dann beurteilt werden, wenn russische Dokumente uns den Sinn des Stalin-Angebotes von 1952 oder die auf Deutschland zielenden Absichten des österreichischen Staatsvertrages enthüllten – falls es solche Dokumente überhaupt gibt. Und selbst wenn gezeigt werden könnte, daß ein nichtkommunistischer, aber bündnisfreier deutscher Gesamtstaat damals zu haben gewesen wäre, müßte die Entscheidung der Frage, ob eine verkrüppelte Wiederholung der Weimarer Republik besser und gut gewesen wäre, immer bloßem Meinen überlassen bleiben.

Fest steht schon heute, daß Adenauer mehr war als ein bloßer geschickter Repräsentant der Epoche, die für Deutschland und über Deutschland hinaus seinen Namen zu erhalten verdient; daß er regierte, führte, stimmungsprägend wirkte wie je ein bedeutender Staatsmann vor ihm. Und daß er zu dieser erlauchten Gruppe gehört, aller Simplizitäten und Härten seines Wesens ungeachtet – als ob es im Bild seiner Ebenbürtigen nicht auch schwarze Flecken gäbe, ähnliche oder unterschiedene. Churchills oft wiederholtes Wort, Adenauer sei der größte Deutsche seit Bismarck, wird, hält man sich an die Politiker, einstweilen unrevidiert bleiben, und vielleicht ist es nicht einmal ein sehr hochgegriffenes Wort; denn wen gab es zwischen den beiden, den übertrumpft zu haben als Ehre anzusprechen wäre?

Mit anderen Meistern der Politik hat er die Ambivalenz der Leistung gemeinsam. Man muß ihn immer gleichzeitig preisen und anklagen; ein Spiel, das, vom Schreibtisch aus geübt, etwas Billiges hat, aber dem Historiker nun einmal aufgegeben ist. Erst der Ausgang könnte zeigen, welcher Teil des Werkes überwiegt, und kann es auch wieder nicht, weil hinter jedem Ausgang noch andere kommen und die Zusammenhänge zwischen Früherem und Späterem dicht, aber nicht zwingend sind. Jede politische Generation ist dennoch für sich selber verantwortlich.

Auch der Charakter, bei scheinbarer Einfachheit, ist komplex. Seine Politik war die geradlinigste, offenste, treueste, und auch nicht. Franzosen und Amerikaner hat er nie betrogen; viel eher das eigene Volk. Aber vielleicht wollte es sich betrügen lassen, weil es ihm gut dabei ging. Vielleicht könnte man für ihn geltend machen, daß er es betrog in seinem wahren Interesse. Um die Spekulation noch weiter auszuspinnen: zuletzt könnte herauskommen, daß, während er die Nation gutwillig betrog, um ihren Wiederaufstieg zu echter Souveränität zu verhindern, die Nation mit ihm und seiner Versöhnungspolitik die Welt betrog, so wie sie es vordem mit der Stresemannschen Diplomatie getan hatte; daß sie die Leiter, auf der sie zu neuer Macht kletterte, umstoßen wird, wenn sie ihrer nicht mehr zu bedürfen glaubt, wie 1933. Das ist im Moment nicht wahrscheinlich, aber nichts für unmöglich zu halten, haben wir gelernt.

Alle solche Gedanken laufen auf eines hinaus. Eine historische Würdigung Adenauers ist heute am Platze, aber sie muß mehr Fragen enthalten als Antworten. Und auch wenn er längst im Grabe ruht, wird die Wahrheit über ihn, wie über alle Großen der Geschichte, dem Suchenden entgleiten, einmal fest da zu sein scheinen, um im nächsten Moment ganz anderswo aufzutauchen.