Die Deutsche Entwicklungsgesellschaft kann nicht halten, was ihre Väter versprachen

Von Sigmund Chabrowski

Kai Uwe von Hassel, „Ostafrikaner“ von Geburt, ist der Vater des Kindes, das im Januar 1961 gedanklich konzipiert wurde, am 14. September 1962 in Köln das Licht der Welt erblickte und den Namen „Deutsche Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit“ (Entwicklungsgesellschaft) erhielt. Der damalige Ministerpräsident und derzeitige Bundesverteidigungsminister trat freilich seine geistige Vaterschaft bald ab, und zwar an den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Walter Scheel. Adoptivvater Scheel trägt nun alle Verantwortung für die gedeihliche Entwicklung dieser bundeseigenen Schöpfung. Und siehe da, in dem Maße, in dem die Entwicklungsgesellschaft ihren Kinderschuhen entwächst, verändert sie ihren Charakter. Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr...

Erinnern wir uns der feierlichen Reden, die an der Wiege der Entwicklungsgesellschaft gehalten wurden: Da wurde von einer „Lücke“ in der deutschen Entwicklungspolitik gesprochen, die nur diese Gesellschaft ausfüllen könnte. Sie sollte kleinen und mittleren Unternehmen mit Rat und klingender (Beteiligungs-) Münze die Wege in die Entwicklungsländer ebnen, um dort am Aufbau einer „politisch, wirtschaftlich und sozial tragfähigen Mittelschicht“ mitzuhelfen. Damit sollte in den Entwicklungsländern ein Gegengewicht gegen den durch öffentliche Kredite und Schenkungen geförderten Trend zur Staatswirtschaft geschaffen werden.

Ein diskussionswürdiger Gedanke, der denn auch von der mittelständischen Wirtschaft der Bundesrepublik begierig aufgegriffen wurde. Auch sie sollte doch nun an den bundesdeutschen Entwicklungs-Milliarden partizipieren, wie es die „Großen“ der Wirtschaft schon immer durften.

Binnen Jahresfrist meldeten sich bei der Kölner Gesellschaft schriftlich und mündlich nicht weniger als 1200 Interessenten, die sich in den Entwicklungsländern am organischen Aufbau einer Marktwirtschaft „von unten nach oben“ beteiligen wollten. In mehr als 700 Fällen wurden sogleich konkrete Projekte diskutiert, von denen aber nach relativ kurzer Prüfung gerade noch 120 übrigblieben. Davpn konnten bislang aber nur 46 in die sogenannte Projektliste aufgenommen werden; 74 Projekte mußten ausgeschieden werden, weil sie entweder anderweitig finanziert wurden, sich als ungeeignet herausstellten oder aber von den Interessenten selbst zurückgenommen wurden.

Als Aufsichtsrat und Geschäftsführung der Entwicklungsgesellschaft kürzlich vor der Öffentlichkeit über das erste Geschäftsjahr Rechenschaft ablegten, konnten nicht mehr als vier Einzelprojekte als „bewilligt“ gemeldet werden. Die Bewilligungen waren wenige Tage zuvor ausgesprochen worden, um nicht mit ganz leeren Händen dazustehen. Der Bund als Gesellschafter, vertreten durch den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, wollte offenbar „Erfolge“ sehen.