Wie habe ich mich immer gefreut, wenn ich las oder hörte, daß sich Staatsmänner, wenn sie einander besuchten, wieder so fabelhaft verstanden hatten: wie sie bei ihrem Treffen, das der Verst\ändigung zwischen ihren beiden Völkern und der Vertiefung ihrer Freundschaft diente, Fortschritte erzielen konnten und ihre Begegnung schließlich im Zeichen eines großen Erfolges stand – was anscheinend nicht vorauszusagen war –, und wie die Gespräche der beiden großen Männer in voller Offenheit geführt wurden und man alle schwebenden Fragen – das beruhigt mich immer sehr – dabei behandelt habe und völlige Übereinstimmung der Ansichten dabei erzielt werden konnte, womit ein wertvoller Beitrag zum Frieden in Europa und der Welt geleistet wurde. Ein Stein fällt mir vom Herzen, wenn ich das höre!

Und wie enttäuscht bin ich, wenn ich kurz darauf erfahren muß, daß einer der beiden irgend etwas tut, wovon der andere überhaupt keine Ahnung harte, und der nun verständlicherweise – eben lag man sich noch in den Armen! – sehr böse wird. Wie sich da jeder hintergangen fühlt: De Gaulle von Macmillan, Mao von Chruschtschow, Macmillan von Adenauer, Nehru von Tschu En-lai und die CDU von der CSU, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Natürlich ist man leicht geneigt, die Schuld an solchen Fehlzündungen den Dolmetschern in die Schuhe zu schieben. Sie haben, meint man, irgend etwas falsch übersetzt, und dadurch sind folgenschwere Mißverständnisse entstanden.

Und woran lag es wirklich? Einzig und allein am vierten Mann! Es ist nämlich so: einem ungeschriebenen Gesetz zufolge darf bei Staatsbesuchen über alles geredet werden – über die Leber auf dem Teller, über die Leber der verehrten Gattin, über alles, was man so halt redet – nur über etwas nicht: Über Politik! Und schon gar nicht über Angelegenheiten, welche die beiden Länder angehen. Das gilt als unfein und unschicklich. Und es wird streng darauf gesehen, daß dieses Gebot eingehalten wird. Natürlicherweise waren dazu zunächst die Dolmetscher ausersehen. Dabei gab es aber leider Pannen. Dolmetscher können es sich manchmal nicht verkneifen, das zu übersetzen, was wirklich gesagt wurde. Oder es widerfährt ihnen in der Hitze des Gesprächs, daß sie Sätze durchgehen lassen wie: „Wenn England drei Bomben hat, wollen wir vier Bomben haben“ oder: „Ich weiß, daß die multilaterale Atom-U-Bootflotte reiner Unsinn ist, aber Gott sei Dank wissen das die Deutschen nicht“, und zu spät merkten, daß es sich dabei um heiße Eisen handelt, die zu berühren streng verboten war.

Darum hat man einen vierten Mann eingeschaltet, von dem die Öffentlichkeit nichts wissen darf. Wer von seiner Existenz weiß – es handelt sich um einen ausgewählten Kreis – und genau hinschaut, der kann bisweilen auf dem Bildschirm bei Staatsempfängen ein Stück Schulter von ihm erhaschen oder ein Ohrläppchen.

Seine Hauptaufgabe besteht im Abbiegen. Während nämlich manche Staatsmänner überhaupt keine Lust verspüren, ausgerechnet bei Staatsbesuchen über staatspolitische Dinge zu reden, können einige andere – es sind halt richtige Mannsbilder – diese Neigung nicht ganz unterdrücken. Wenn der vierte Mann nicht dabei wäre, könnte es tatsächlich passieren, daß sich Kennedy mit Adenauer oder Erhard über eine Entspannung mit den Russen, de Gaulle mit Macmillan über eine Entspannung mit den Amerikanern, Tito mit Chruschtschow über eine Entspannung mit Albanien (Deckname für China!) und Mao und Sukarno über eine Entspannung mit den Indern unterhalten. Und Brandt mit Kennedy über eine Entspannung mit der CDU, aber das steht auf einem anderen Blatt.

So ein vierter Mann ist leider nicht leicht zu überlisten. Wenn er nur den geringsten Anlaß sieht, Argwohn zu hegen – Kennedy redet plötzlich über den Fischfang in der Karibischen See(!), Nehru schwärmt von einer südvietnamesischen Pagode (!), de Gaulle preist die Unendlichkeit der Sahara (!), Chruschtschow möchte gern Castro über neue Maissorten im Fernen Osten (!) informieren – greift er ein und gibt dem Gespräch eine Wendung ins Harmlose.

Wenn man das einmal weiß, versteht man endlich, warum bei diesen Treffen nie etwas herauskommt, warum man jedesmal das Gefühl hat, die schwebenden Probleme seien eher noch mehr verwirrt worden als geklärt. Auch wird einem klar, warum es später im Kommuniqué heißt, man habe volles Einvernehmen erzielt. Natürlich. Über das Wetter. Über das gemeinsame Rheuma. Über den besten Pfeifentabak. Über die Frauen. Richtig – über irgend etwas wollte man doch miteinander auch noch reden ... was wars nur? Raketen...? Berlin...? EWG...? Laos... Also dann: bis zum nächstenmal...!