Wie schnell die Zeit vergeht. Wir hoffen für Proske und das audiatur et altera pars, hieß es an dieser Stelle, zwei Wochen zuvor. Die Hoffnung hat getrogen; Proske wurde eliminiert, man mißt in unserem Land mit zweierlei Maß. Der eine fällt seinem einzigen sachlichen Irrtum, einem schweren Irrtum, zum Opfer und zieht seinen Hut; der andere, der so ingrimmig log, daß die Balken sich bogen, bleibt dennoch ein Parteivorsitzender. Der eine ist ein einsamer Mann, der andere hat mächtige Freunde und Diener. Den einen entläßt man; der andere aber nuschelt sich weiterhin an der Wahrheit vorbei: der feindliche Haß, meine Lieben, und nicht die Tollheit im Herzen hat mich gejagt.

Ist das richtig? Muß das wirklich so sein? Trägt nur der Journalist das Risiko, während der Politiker ein Recht darauf hat, sich etwas außerhalb der Moralität zu bewegen? Gibt es tatsächlich, an der Grenze vom Denken zum Handeln, einen beschreibbaren Punkt, an dem die Gesetze der Ethik ungültig werden? Dort, wo man agiert, tritt das Gebot der Moral außer Kraft, und es beginnt das Augenzwinkern und die freche Kumpanei? Ein Codex für Eingeweihte und ein anderer, der die outcasts betrifft?

Da sei mir Lord Haisham gepriesen, ein Tory von victorianischem Schlag. Wie eine leibhaftige Dickens-Figur präsentierte sich dieser streitbare Aristokrat in Nevens behutsamem Ersatz-„Panorama“. Grauhaarig, die „Tolle“ über der Stirn, mit Vogelaugen und Tränensäcken wie fleischige Nester, mit winzigem Mund, zwei scharfen Winkelfalten und riesigen Fledermausohren: so pochte der Lord auf Dignität und unantastbare Sitte, gab sich pathetisch und witzig zugleich und zog mit Sarkasmus gegen jenen christlichen Bischof zu Felde, der angeblich – man staune – die These vertrat, Lady Chatterleys Liebhaber hänge mit dem Heiligen Abendmahl zusammen.

Auch der Journalist, ein sachlich-nüchterner Mensch, bekam den Zorn seiner Lordschaft zu spüren, wurde als „arrogant“ hingestellt und sah sich, ob bohrender Fragen, mehrfach an den Pranger gestellt. Aber es war ein ehrlicher und offener Kampf; Kälte und Leidenschaft trafen einander; niemand kniff; die Rechte waren gleich verteilt, und der Betrachter konnte gelassen entscheiden, wer hier als Inquisitor und wer als Angeklagten fungierte. Die Moralität war gewahrt; das Wichtigste blieb unausgesprochen, da es sich offenbar ganz von selber verstand: gewisse Dinge tut man nicht, wenn man im Dienst der Königin steht. Politiker sind keine Mönche, meinte Lord Haisham, doch man erwartet von ihnen, daß sie sich zu benehmen verstehen. England, so schien es am Montag, ist eine Nation, in der die Worte „seine Konsequenzen ziehen“ für jedermann in gleicher Weise gilt.

Aber vielleicht täuschen wir uns; vielleicht sind wir ungerecht: darüber verärgert, daß man den kleinen Mann, als wäre er ein Federball, bei uns so leicht von seinem Schreibtisch fortpusten kann, während sich der Große polypengleich am Amtsstuhl festsaugen darf; daß man Sauberkeit nur von dem Kritiker verlangt und den Täter gelassen im Schmutz wühlen läßt; daß man den Kleinen groß, den Großen klein sein läßt.

Gepriesen nochmals sei der zornige Lord. Er spielte eine würdige Partie, und er hatte einen würdigen Gegner. Momos