Von Kurt Wendt

Daß der deutsche Aktienmarkt gegenwärtig einen kräftigen Stoß vertragen kann, zeigte sich im Zusammenhang mit dem Vergleichsantrag der Firma Hugo Stinnes und der Dortmund-Härder Hüttenunion, für 192/63 die Dividende ausfallen zu lassen. Obwohl die Börse schon seit der letzten Hauptversammlung dieser Gesellschaft mit einem solchen Schritt gerechnet hatte, war sie dennoch einigermaßen überrascht. Mit dem jüngsten Kursanstieg der Dortmund-Hörder-Aktie von 75 % bis 99 1/2 % hatten sich nämlich die Hoffnungen auf eine bescheidene Ausschüttung wieder verstärkt.

Nun fragt man sich natürlich, was hinter den "kurstreibenden" Käufen gesteckt haben mag, wenn nicht Dividendenhoffnungen? Ein Teil der Kaufaufträge – so glaubte man beobachten zu können – kam über die Schweiz an die deutsche Börse. Aber dieser Weg schließt natürlich die diskutierte Möglichkeit nicht aus, der holländische Großaktionär des Dortmunder Hüttenunternehmens, die Kon. Nederl. Hoogovens en Staalfabrieken N. V., Ymuiden, habe in der Vergangenheit versucht, seine bisher mit 42 % des Aktienkapitals angegebene Beteiligung aufzurunden.

Natürlich löste die Nachricht von dem Dividendenausfall einen Kurssturz der Dortmund-Hörder-Aktien aus, aber er blieb ziemlich isoliert. Die übrigen Montan-Aktien wurden nicht nennenswert in Mitleidenschaft gezogen. Den Anlegern ist zwar deutlich vor Augen geführt worden, daß namhafte deutsche Industrieunternehmen bislang kaum etwas von der konjunkturellen Wiederbelebung, auf die sich schließlich die festere Börsentendenz bislang stützte, zu spüren bekommen haben, sie wissen, aber andererseits auch, daß bei den Eisen- und Stahlgesellschaften genau so differenziert werden muß, wie dies in anderen Teilen der Industrie der Fall ist.

Effektiv gedämpft ist der Dividendenoptimismus bei Klöckner. Zeitweise wurden Ansichten geäußert, daß Klöckner für 1962/63 unter Umständen bei 12 % Dividende bleiben wird. Diese führten zwar zu einer leichten Aufwärtskorrektur, aber schließlich wagte es doch niemand, den Kurs voll auf 12 % "einzustellen". Im ersten Drittel des Weges blieb er bereits stecken.

Sieht man von Dortmund-Hörde ab, wo einiges Material aus Aktionärskreisen zur Verfügung gestellt wurde, so blieb die Abgabeneigung in den letzten Wochen begrenzt. Wenn sie dennoch ab und an zu weichenden Kursen führte, so lag dies in erster Linie an der Zurückhaltung der Käufer, die gegenwärtig keine Eile zeigen, ihre Aktienbestände zu vergrößern. Das breite Publikum hat immer noch nicht so recht an die Aktienmärkte zurückgefunden, sondern beläßt seine Mittel auf Sparkonten bzw. erwirbt festverzinsliche Papiere, die flott abgesetzt werden. Selbst ältere Emissionen finden zunehmendes Interesse, nicht zuletzt deshalb, weil sich bei ihnen oftmals eine bessere Rendite ergibt als bei den neuen sechsprozentigen Anleihen. Die Investment-Gesellschaften dürften bereits weitgehend ihre liquiden Mittel zum Aktienkauf eingesetzt haben und können Zukäufe nur noch im Rahmen der ihnen zufließenden neuen Gelder vornehmen. Ähnlich sieht es bei den sogenannten Großanlegern aus, die – soweit man erkennen kann – jedoch noch einige Reserven zurückgehalten haben, um an "billigen Tagen" günstig kaufen zu können. Daraus ergeben sich die größeren Umsätze bei rückläufigen Kursen. Die Käufe der Großanleger haben bislang ins Gewicht fallende Schwankungen verhindert, zum Leidwesen des Berufshandels, dem sich in den vergangenen Wochen kaum verwertbare Chancen boten. Er versuchte zwar zeitweilig durch sogenannte Leerverkäufe wieder Bewegung in die Kurse zu bringen, aber nennenswerte Erfolge sind ihm nicht beschieden gewesen.

Angesichts dieser Situation, die viele Leute deshalb enttäuschte, weil sie mit einer "Herbst-Hausse" gerechnet hatten, wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob der Aufschwung der letzten Monate endgültig beendet ist. Einer Antwort ist nur dann näherzukommen, wenn die kursbeeinflussenden markttechnischen Faktoren von denen getrennt werden, die langfristig die Börsentendenz zu bestimmen pflegen. Markttechnisch gesehen ist eine Periode der Stagnation in den Herbstmonaten durchaus keine Seltenheit. Zur Zeit ist sie um so mehr verständlich, als eine Reihe von Ereignissen eine gewisse Zurückhaltung geradezu aufzwingen. Zu nennen wären in dieser Hinsicht der Kanzlerwechsel in Bonn, die Ungewißheit über die Haltung der amerikanischen Besitzer deutscher Aktien sowie schließlich die Spannungen innerhalb der EWG-Staaten.