Kurz waren ihre Beine; sie trugen einen schmächtigen Körper voller Energie. „La Monte Piaf“, die Göre Piaf, wie sie genannt wurde, hatte eine tragische Maske. Manchmal – nur selten – leuchtete in ihrem Gesicht blitzartig ein Schimmer von Heiterkeit, von Fröhlichkeit auf. Ihr Blick war nur Traurigkeit und Schmerz. Ihre Augen schienen immer tränenfeucht zu sein; sie war schwächlich, erschöpft. Ihre Macht lag in ihrer gewaltigen, rauhen, fesselnden Stimme.

Sie war am 19. Dezember 1915 mit der Hilfe zweier Flies zur Welt gebracht worden, und zwar auf einer Straße in Belleville unter einer Laterne. Ihre Mutter verließ sie zwei Monate später. Das Kind wuchs bei seiner Großmutter unter lauter Freudenmädchen auf. Mit drei Jahren verlor es das Augenlicht, nach einer Wallfahrt nach Lisieux wurde es wieder sehend. Später wurde „die Göre“ von ihrem Vater, einem Akrobaten, aufgenommen. Für ihn sang sie auf den Straßen – und auf den Straßen von Paris sang sie weiter, als sie wieder allein war. Dort wurde sie eines Tages von Leplee, dem damaligen Direktor des Lokals Gerny’s, entdeckt. Er half ihr, brachte sie groß heraus und gab ihr den Namen Piaf – so nennt man im Pariser Argot die Spatzen. Erfolg brachten ihr die Lieder „L’hymne à l’amour“, „La Vie en Rose“, „Le Clown“, „La Foule“, „Milord“.

Sie fesselte ihr Publikum, Und sie war von ihm gefesselt. Um ihren Zuhörern treu zu bleiben, kämpfte sie mutig ein Leben lang. Durch Krankheit entkräftet, raffte sie sich doch immer wieder auf: Nach ihren Auftritten war sie jedesmal dem Zusammenbruch nahe. Die letzten zehn Jahre waren für sie ein Kreuzweg, ihr Kreuz das Publikum. Sie, die nie etwas anderes gekannt hatte als Elend und Verlassenheit, hatte es verstanden, in ihren Zuhörern den Glauben an das Glück zu wecken, an „un petit coin de ciel bleu“, ein kleines Stück blauen Himmels. Ihre Stimme rührte die Herzen an, tröstete, ermutigte,

Edith Gassion, so war ihr Name, heiratete in zweiter Ehe den sehr viel jüngeren Griechen Theo Sarapo. Sie ist arm gestorben. Der höchst bezahlte französische Star hat alles verschenkt. Ihr Glaube war demütig, und ihr Leben lang hatte sie an das Wunder von Lisieux geglaubt. Sie war davon überzeugt, daß ihr Leben eine Kette von Wundern war.

In Wirklichkeit war es nur ein Angsttraum. Das Elend ihrer Kindheit lag ihr im Blute. Aber Edith Piaf hat es nicht bedauert. „Non je ne regrette rien“ – nein, ich bedaure nichts...

glp.