Von Wilhelm Braun-Feldweg

Prof. Dr. Wilhelm Braun-Feldweg ist Ordinarius für industrielle Formgebung an der Hochschule für bildende Künste in Berlin

Längst bevor wir zum eigentlichen Sitz des kommerziellen Gehirns vorstoßen, sehen wir schon die veränderte Welt. Wo in bescheidenen Giebelhäusern der alten Hansestadt eine ehrbare Kaufmannschaft ihre weltweiten Verbindungen spann, steht nun der breit hingelagerte oder hochgetürmte Palast eines Konzerns, einer Großbank oder Versicherungsgesellschaft, dem Licht allseitig geöffnet, von Brises soleil gegen zuviel Licht beschirmt, mit Drive-in-Schaltern im Erdgeschoß, Lifttürmen und Schwimmbecken auf dem Dach. „Die Großindustrie bedarf wie einst die Fürstenhäuser ihrer eigenen Repräsentation“,sagt der Architekt, halb entschuldigend.

Und Repräsentation bedeutet auch so manches im Innern. Mit ihr sich einmal zu befassen, ist vielleicht nicht ganz überflüssig. Aber bleiben wir noch bei dem, was war, des Kontrastes wegen.

Man kennt das Comptoir alten Stils noch, und manche behaupten, es sei auch heute in der Londoner City nicht ganz ausgestorben: Stehpulte eng gedrängt, gebeugte Nacken, übergestreifte Halbärmel, Regale, Regale, Staub und winzige Fenster. Le bureau, le comptoir – der Schreibtisch, der Zähltisch, der Arbeitstisch jedenfalls waren Keimzelle der Entwicklung. Der Tisch im Chefzimmer wurde dann zur Gehirnzelle der modernen Organisation, Büro genannt. Und nicht ganz unberechtigt, wenn auch eitel, hat er da, wo er bewußt „repräsentativ gestaltet“ wurde, den Charakter einer kleinen Kommandobrücke.

Das Büro selber, sofern es einem fortschrittlichen Unternehmen angehört und von Designern oder Architekten in ein logisches System gebracht wurde, ist ein funktionierender Apparat. Intellektuelle Arbeitsvorgänge sind technisiert, rationalisiert, sie vollziehen sich in mechanischen und elektronischen Einrichtungen, Reproduktionsverfahren und Kommunikationsmitteln.

Wo bleibt da noch Raum für die Niedlichkeiten individueller Bedürfnisse?