Von Martin Wieland

Der Führer der konservativen Partei wird nicht gewählt, er wird „erkannt“. Die „traditionellen Methoden“, von denen Macmillan in seinem Rücktrittsbrief an die in Blackpool tagende Parteikonferenz so aristokratisch zuversichtlich sprach, sind in keinem Buch verzeichnet. Die Mächtigen der Partei werden diskret befragt, wen sie für den richtigen neuen Leader halten. Aber es steht weder genau fest, wer zu fragen hat noch wer zu befragen ist. Es ist ein Mysterium.

Lord Dilhorne, der Lordkanzler, spricht unter vier Augen auf irgendeinem Gang, in irgendeiner stillen Fensternische oder von Klubhotel zu Klubhotel mit den Ministern oder mit dem oder jenem konservativen Peer. Natürlich nicht mit allen. Es gibt ja viele Hunderte. Martin Redmayne, der konservative Fraktionseinpeitscher im Unterhaus, spricht seinerseits mit Abgeordneten, die, wie bei einem Rennen, ihren ersten und zweiten Favoriten nennen. Die konservativen Massenorganisationen haben am wenigsten mitzureden. Ihre Stimmung wird durch konservative Medizinmänner (und Medizinfrauen) mit prophetischer Sicherheit gedeutet und den Mächtigen im konservativen Establishment bekanntgegeben.

Der wichtigste Faktor in dieser großen Entscheidung ist wohl das Kabinett. Aber ganz so wörtlich ist das auch wieder nicht zu nehmen. Es gibt so manche graue Eminenzen in der Partei, die mehr mitzureden oder mitzuflüstern haben als so manches Kabinettsmitglied. Nein, der wichtigste Faktor ist der zurücktretende Premierminister. Er hat die Königin zu beraten, wen sie berufen soll. (Man fragt sich: Wird er den Namen R. A. Butler über die Lippen bringen?) Aber so entscheidend ist auch er nicht. Die Königin muß seinen Rat nicht annehmen. Wenn sie ernste Zweifel hat, ob der ihr empfohlene Mann das Vertrauen der ganzen Partei besitzt, wird sie andere Ratgeber heranziehen. Welche Ratgeber? Ihr Privatsekretär Sir Michael Adeane wird es vielleicht wissen. Wenn er es nicht weiß – weiß Gott, wer es dann weiß. Es ist eben ein Mysterium.

Die traditionellen Methoden haben etwas für sich, wenn so auf taktvolle Weise eine Einigung hinter den Kulissen herbeigeführt werden kann. Es hat vielleicht viel für sich, Meinungen zu wägen, anstatt die Stimmen zu zählen. Aber diese Methoden funktionieren nur, wenn eben der Schleier des Mysteriums über sie gebreitet bleibt. Daß die Führungskrise gerade während der Jahreskonferenz in Blackpool ausbrach, konnte nur böse Folgen haben. Und Macmillan wird jetzt bitter getadelt, weil er mit der Verkündung seines Rücktrittsbeschlusses nicht wartete, bis die Konferenz vorbei war.

Blackpool ist keine feine Stadt. Das illuminierte Ferienparadies der Arbeiter und kleinen Leute im industriellen Norden Englands ist eigentlich ein ungeeigneter Schauplatz für die konservativer Damen und Herren, bei denen alles Vulgäre verpönt ist. Dieses Mal ging es freilich bei der Konferenz auch nicht viel feiner zu als auf der Strandpromenade. In Gegenwart von Delegierten aus dem ganzen Land, von Pressekorrespondenten aus der ganzen Welt und vor allem vor Fernsehkameras verwandelte sich die Tory-Konferenz in den britischen Abklatsch eines amerikanischen Partei-Konvents.

Wie jetzt zur Genüge bekannt ist, verkündete Macmillan in der Kabinettssitzung am Dienstagmorgen, unmittelbar bevor sich die meisten Kabinettsmitglieder auf den Weg nach Blackpool machten, es werde in seiner großen Rede am Sonnabend zum Abschluß des Parteitages alle Zweifel darüber beseitigen, wer die Partei in den nächsten Wahlen führen wird. Seine Kollegen begriffen, wen er meinte: sich selbst. Aber kaum hatte er sich zu dem Entschluß durchgerungen, trotz aller Widerstände an der Spitze zu bleiben, als ihm seine physische Konstitution den Streich spielte, der ihn noch am selben Abend ins Krankenhaus beförderte.