Drei-Fakultäten-Hochschule und „Forschungsuniversität“

Von Hans Wenke

Im abschließenden Teil seiner Übersicht über die geplanten Universitätsneugründungen in Deutschland schildert Professor Dr. Hans Wenke das Projekt Konstanz sowie einige weitere Pläne. Zur Vervollständigung und Abrundung des Gesamt-Überblicks, den wir damit in den letzten drei Nummern der ZEIT gegeben haben, bringen wir heute noch eine Bibliographie der neuesten Literatur sowie eine Zeittafel, welche deutlich die Schritte zeigt, die in Bochum, Bremen und Konstanz bisher gemacht worden sind.

Der Wissenschaftsrat hatte in seinen „Empfehlungen“ vom November 1960, in denen er die Neugründung von Hochschulen mit der Entlastung der bestehenden Einrichtungen begründete, gleichwohl in diesem Zusammenhang in Aussicht gestellt, die Frage zu prüfen, „ob eine wissenschaftliche Einrichtung mit Hochschulcharakter geschaffen werden kann, die unter Verzicht auf eine große Studentenzahl ihren Schwerpunkt in der Forschung und in der Ausbildung wissenschaftlich fortgeschrittener Studenten hat“.

In den „Anregungen zur Gestalt neuer Hochschulen“ vom Jahre 1962 legt er das Ergebnis dieser Prüfung vor: Es wird das Modell einer solchen Hochschule entworfen, die man demgemäß als „Forschungsuniversität“ bezeichnen kann. Das trifft nicht das Ganze ihrer Tätigkeit, da sie – als Universität – zugleich der Lehre dient, aber es akzentuiert und charakterisiert ihr Hauptziel und ihr Strukturprinzip. Unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt weiche ich vom Sprachgebrauch des Wissenschaftsrates ab, der den Begriff Forschungshochschule vermeiden will, um nicht dem Gedanken einer Trennung der Forschung von der Lehre Vorschub zu leisten. Ein besserer Ausdruck bietet sich mir nicht an, es sei denn die umständliche Umschreibung: Universität mit dem Anspruch eines vertieften wissenschaftlichen Studiums und einer engeren Verbindung von Forschung und Lehre.

Ein solches Modell hat die Landesregierung von Baden-Württemberg mit ihrem Plan der Neugründung einer Universität in Konstanz aufgegriffen, den sie in ihrer „Denkschrift über die Errichtung von wissenschaftlichen Hochschulen in Baden-Württemberg“ vom April 1963 begründet hat. Hierbei stützt sie sich auf Gutachten, die eine Reihe von Hochschullehrern und der Generalsekretär des Wissenschaftsrates erstattet haben. Sie befaßten sich sowohl mit der Struktur der neuen Universität als auch mit der Frage des Standortes, die strittig war.

Die Überlegungen konzentrierten sich schließlich auf Konstanz und auf Ulm. Als Mitglied dieses Gutachtergremiums habe ich mich in meinem Votum mit folgenden Argumenten für Konstanz entschieden: Konstanz verdient unter dem Gesichtspunkt der kulturellen Tradition und der kulturpolitischen Situation den Vorrang. Hinsichtlich der kulturellen Tradition haben wir es mit einem so bekannten und anerkannten Tatbestand zu tun, daß sich nähere Ausführungen erübrigen. Unter der kulturpolitischen Situation verstehe ich die Lage von Konstanz im Grenzgebiet der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs und der Schweiz. Ich mache mir – jedenfalls für den Anfang – keine übertriebenen Vorstellungen davon, daß sich Konstanz als ein nach drei Richtungen gleichmäßig wirkendes Einzugsgebiet für Studenten erweist mit der Folge, daß Deutsche, Österreicher und Schweizer in annähernd gleicher Zahl diese Universität aufsuchen. Als eine deutsche Universität ist sie in unsere Lehr- und Ausbildungsordnungen einbezogen, soweit es sich um akademische Berufsausbildung handelt. Wohl aber kann und sollte sie in ihrem Vorlesungsprogramm und in den Forschungsarbeiten Aufgaben und Bereiche pflegen, an denen die drei Länder gemeinsam interessiert sind. Gerade die Realität und Anerkennung staatlicher Grenzen erhöhen m. E. die Verpflichtung, in der kulturellen Arbeit die Gemeinsamkeiten in echter Kooperation zu pflegen, die sich im einheitlichen Sprachraum natürlicherweise ergeben. Ich würde diesen Gedanken, der allzu leicht als Kulturpropaganda mißverstanden werden kann, nicht in den Vordergrund rücken, wenn nicht aus den vorliegenden Dokumenten und Nachrichten klar zu erkennen wäre, daß die Österreicher und Schweizer selbst den Plan der Universität Konstanz begrüßen und mit ihren eigenen Interessen begründen.“