Film

Alain Resnais ist mit "Muriel" sein bisher bester Film gelungen, ein Werk, das eine Station der Filmkunst markiert und zugleich Leitlinien in das noch Mögliche legt. "Muriel", von der Kritik noch kaum begriffen, ist schon unabdingbar, der Schritt zurück bereits verstellt.

Das ist vollzogen in wenigen Augenblicken, in der ersten blitzschnellen Montage: Sie zeigt eine Hand, die einen Türgriff umfaßt, ein antikes Möbel, das Gesicht einer etwa vierzigjährigen Frau, fein und nervös, und das eines jungen Mannes. Er stellt einen heißen Wasserkessel auf einen Tisch, der verkauft werden muß, eine häusliche Verrichtung, die ihm verboten wird. Man weiß: Helene Aughain handelt mit Antiquitäten, ihre Wohnung ist ein Laden und ihre Existenz Unruhe. Was Geborgenheit verspricht, Luxus scheint, ist schon das andere: bereits verkauft, fremd schon und nicht mehr verläßlich. Der kühne Griff nach vorn kostet Resnais nur Sekunden und ist schon Stil. Das Beschriebene ist gesichert. Was noch kommt, führt aus.

Hélène erwartet Alphonse, der sie liebte und den sie in den Monaten vor dem Krieg verloren hatte. Sie hat ihn gerufen, und er kommt, mit seiner Nichte, wie er sagt, die aber seine Geliebte ist, und mit lauter Lügen, alten, Helene betreffend, und neuen, und mit falscher Ruhelosigkeit. Er hat weißes Haar und trägt Photos mit sich herum, auf denen man Palmen sieht. Er sagt, er sei in Algier gewesen, und man erfährt, daß er Afrika nie gesehen hat. Er richtet sich ein mit Halenes Suche nach der Vergangenheit, die für sie schmerzlich und unausweichlich ist, weil ihr die Gegenwart zerrinnt. Wie sie fragt auch er zurück nach dem Gewesenen, das ihr ernst war und ihm nie. Er spielt das Drama, das Helene lebt.

Die Stadt heißt Boulogne-sur-Mer. Im Krieg fait ganz zerstört, ist sie bereits wieder aufgebaut. Die neuen Fassaden haben das Alte, wo es noch ist, überwuchert, man findet sich kaum mehr zurecht. Wo das Hotel der ersten Begegnung war, ist heute Kreuzung, und den Bahnhof, auf dem Alphonse noch ankommt, verlassen schon bald keine Züge mehr.

Da ist Bernard, seit acht Monaten aus dem Krieg zurück, Hélènes Stiefsohn. Ihm geht es wie ihr, auch ihm hat die Vergangenheit die Gegenwart zerschlagen. Doch ihm heißt sie nicht Bernard, sondern Muriel. Muriel ist ein algerisches Mädchen, das er, sein Kamerad Robert und die anderen gefoltert, geschändet und gemordet haben. Seine Suche gilt ihr und dem eigenen Gewissen. Was für Alphonse Theater ist, Lust an einem Drama, das es für ihn nicht gegeben hat, weil er es zu vermeiden verstanden hatte und das er nun, da er weiß, daß er Schaden nicht mehr nehmen kann, genießen will, das ist für Bernard etwas anderes: Ihm ist die Klärung bitter notwendig, die Entscheidung muß er haben, ohne sie – das weiß er – wird er nicht leber können.

Alphonse ist verheiratet. Der Bruder seiner Frau kommt nach Boulogne, um ihn zu ihr, die er mit einem bankrotten Lokal hat sitzen lassen zurückzuholen. Alphonse drückt sich erneut, sein Bus fährt nach Brüssel. Auch Helene verläßt die Wohnung und flieht zu einer Freundin, von der sie sich vor Jahren in Unfrieden getrennt hat. Indem sie diese Beziehung, die absurd ist und nichts mehr taugt, wie im Traum erneuert, entwurzelt sie sich ganz. Bernard aber geht hin, erschießt Robert und verläßt die Stadt. Zurück bleibt die leere Wohnung mit den verkauften Möbeln, zurück bleibt Boulogne, Zeugnis der Vergangenheit, die die Straßennamen noch festhalten und die Gräber des Krieges, Zeugnis aber auch einer Gegenwart, die bedenkenlos aufbaut, tut, als sei nichts geschehen – wo es immer noch geschieht, eben in Algerien – und der mit dieser Vergangenheit, mit dieser Gegenwart die Zukunft noch genommen ist.