Die Geschichte liebt es zuweilen, sagt Jacob Burckhardt, sich in einem Menschen zu verdichten. Sie hat es während der vergangenen vierzehn Jahre auch in Deutschland wieder getan, das in der Person Konrad Adenauers sein Symbol fand, seinen Kristallisationskern und sein Resümee. Jetzt ist der erste Bundeskanzler von der Bühne abgetreten, die er so lange beherrscht hat, wiewohl sein Schatten noch immer aus der Kulisse über die Szene fällt. Was groß ist an seiner historischen Erscheinung, stand in allen Würdigungen zu lesen; doch auch, was in bedenklicher Weise zu kurz gekommen ist unter seiner Ägide, klang in vielen an.

Auf Ludwig Erhard, den zweiten Kanzler der Bundesrepublik, richten sich nun die Blicke. Er teilt das Los aller, die verdammt sind, Nachfolger zu sein: Zweifel rühren sich einerseits, ob er fortführen könne, was die Größe ausmachte am Werk des Vorgängers, Hoffnungen andererseits, daß er imstande sei, all jene kranken Stellen auszumerzen, die im Schatten der Größe zu wuchern begannen. Solche Zwiespältigkeit der Empfindungen kennzeichnet freilich jeglichen Übergang. Die Hoffnungen rühren aus der Ernüchterung am Gewordenen, die Zweifel aus der Sorge um dessen Fortbestand; in das eine mischt sich die Sehnsucht nach Wandel, in das andere die Angst vor dem Neuen. Das ist jedesmal so, wenn eine Epoche zu Ende geht.

Allerdings, wirklich zu Ende gehen geschichtliche Entwicklungsprozesse selten, und die Chancen des Neubeginns sind dementsprechend rar. Adenauer war nach dem totalen Zusammenbrach die Gnade des Nullpunktes vergönnt und damit die Möglichkeit des frischen Anfangs. Beides wird Erhard versagt bleiben. Für ihn gilt wieder, was Brüning von der Politik gesagt hat – sie sei ein nimmer endendes Schachspiel, „in dem verschiedene Spieler aufeinanderfolgen, von denen jeder das Spiel da aufnehmen muß, wo er es vorgefunden hat“. Erhard muß die Partie an dem Brett und mit den Figuren fortsetzen, die ihm sein Vorgänger hinterläßt.

Das heißt nicht, daß der Nachfolger in allem der Gefangene des Vorgängers sei und auch bleiben müsse. Es deutet nur auf jene Erkenntnis hin, die Stanley Baldwins Biographie in die Worte gefaßt hat: „Staatsmänner sind nicht Architekten, sondern Gärtner.“ Was Dean Acheson so erläuterte: „Ein Gebäude ist bis ins letzte Detail der steingewordene Gedanke des Architekten. Der Gärtner indes wirkt nicht schöpferisch; er wählt aus. Indem er ausreißt, was er nicht will, hegt und pflegt, was er auswählt, arbeitet er mit der Natur oder gegen sie auf sein Ziel hin. Das Ergebnis kann er nicht verbürgen; Naturkräfte, die er nicht beherrscht, helfen oder trotzen ihm. Von ihm eine Werkzeichnung oder eine Garantie für das Endprodukt zu verlangen, hieße seine Fähigkeiten und seine Arbeitsweise verkennen.“ Diese Grenzen und Chancen der Staatskunst hat Bismarck in seinem großartigen Wort ähnlich beschrieben: „Der Staatsmann kann nie selber etwas schaffen, er kann nur abwarten und lauschen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört; dann vorzuspringen und den Zipfel seines Mantels zu fassen, das ist alles.“

Politik ist denn noch immer die Kunst des Möglichen, als die Bismarck sie definiert hat. Der Staatslenker arbeitet mit vorgegebenem Material, im gezogenen Rahmen, mit bemessenen Kräften. Seine Plattform ist nicht die tabula rasa einer imaginären Welt, sondern der Boden der Wirklichkeit, auf dem er seine Kompromisse zwischen dem Möglichen und dem Erwünschten schließen muß. Das gilt zumal für den Nachfolger eines Großen. Man darf nicht Wunder von ihm erwarten, darf ihn nicht unter einer Hypothek von Hoffnungen ersticken, die er nicht abtragen kann.

Ludwig Erhard hat ein Anrecht darauf, daß die Nation die Grenzen der Staatskunst erkennt und ihn nicht mit Ansprüchen überfordert, deren Erfüllung die Realität vereitelt. Umgekehrt hat freilich die Nation ein Anrecht darauf, daß er auch die äußersten Grenzen der Staatskunst erforscht – und daß er dies unter den Aspekten des Jahres 1963 tut, nicht unter denen von 1949. Er muß der Mann der zweiten Phase unserer Nachkriegsgeschichte sein, wie Adenauer jener der ersten gewesen ist. Darin liegt seine Chance wie seine Gefährdung. Gelingt es ihm, in diese Rolle hineinzuwachsen, so wird seine geschichtliche Leistung als Kanzler auf eigenem Grunde stehen; gelingt es ihm aber nicht, so wird er beiseite geschoben werden von den Männern, welche jene Wandlungen besser repräsentieren, die sich seit Jahren angebahnt haben.

In diesem Sinne wird Erhard den Satz von der Politik als Kunst des Möglichen nicht als Vorwand für bequemes Treibenlassen bemühen dürfen. Die zweite Phase hat ja in Wahrheit längst begonnen; sie fordert nun, verspätet, ihren Mann. Und dieser Mann muß ihre Sprache sprechen, ihre Gedanken denken; er muß den Gesamtwillen neu formulieren. Seine Aufgabe ist es, wie Carlo Schmid sagte, „das sachlich Notwendige politisch möglich zu machen“.