Es ist immer ein löbliches Beginnen, die Öffentlichkeit gut zu unterrichten: Der Deutsche Fremdenverkehrsverband hatte zusammen mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband und dem Deutschen Reisebüroverband Presse, Rundfunk und Fernsehen zu einem Gespräch nach Freudenstadt eingeladen. Es ging um die Gründe dafür, warum ein „Land der Gastlichkeit“, die Bundesrepublik, etwas von seinem guten Ruf eingebüßt hat, wie hie und da zu hören war. Nicht nur bei den Deutschen selbst, auch im Ausland.

Die Zahlen sprechen dafür eine deutliche Sprache, wir nannten sie kürzlich schon: Vier Milliarden Mark gingen mit den Reisenden im letzten Jahr ins Ausland; aber nur zwei Milliarden wurden im Inland ausgegeben. Für 1963 dürfte die passive Devisenbilanz noch etwas schlechter ausfallen. Kein Anlaß zu Pessimismus, aber zum Nachdenken.

Wenn auch immer wieder betont wird, daß deutsche Reisende allmählich von neuem die Schönheiten ihrer Heimat zu schätzen begännen, so läßt sich nicht übersehen, daß noch immerhin sechs Millionen Deutsche zur Erholung (mochte sie auch, besonders in südlichen Ländern, zweifelhaft sein) ins Ausland fuhren. Der Hinweis, daß die Italiensehnsucht der Deutschen abnehme (etwa 15 Prozent in diesem Jahr), ist kein Anlaß zu der optimistischen Folgerung, diese Sonnenhungrigen würden nun dem deutschen Fremdenverkehr zugute kommen. Denn vorerst ist nur eine Verlagerung eingetreten. Andere Länder haben davon profitiert. Jugoslawien nennt sprunghaft steigende Besucherzahlen (um 73 Prozent mehr Deutsche als 1962), und auch Spanien hatte noch nie so viele deutsche Gäste. Jeder zweite der in das Ausland reisenden Deutschen aber verbrachte seine Ferien in Österreich

Mit der Schönheit der deutschen Landschaft samt den anderen angeführten Fakten (mehr Ruhe, kürzere, weniger anstrengende Anreise, heimatliche Küche, das gewohnte Klima und die Möglichkeit differenzierter Kuren in deutschen Heilbädern) scheint es also allein nicht getan. Zieht man den Wunsch nach beständigem Wetter, viel Sonne, Fernweh, Prestigefragen, wie immer die Erklärungen für die Reisewelle ins Ausland heißen mögen, ab, bleibt doch ein Rest von Unbehagen über die nachlassende Anziehungskraft Deutschlands als Reiseland, über die in Freudenstadt heftig diskutiert wurde.

Sitzt denn der Wurm in der deutschen Gastlichkeit? – so lautete die überspitzte Formulierung. Natürlich wurde sogleich versichert, daß es eine Vielzahl (vielleicht sogar die überwiegende Mehrzahl) ausgezeichnet geführter Hotels und Pensionen gibt, die mit den besten ausländischen konkurrieren können. Dort ist der Gast gut aufgehoben. Aber die auch in Freudenstadt immer wieder zitierte Behauptung, daß der Prozentsatz an Beschwerden so gering sei, daß er gar nicht ins Gewicht falle, ist kein Gegenargument. Daraus zu folgern, wie es offensichtlich noch geschieht, daß es nichts zu beanstanden gäbe und man lauter zufriedene Gäste habe, scheint logisch, wird aber durch Erfahrung und Praxis widerlegt. Abgesehen davon, daß noch genaue Unterlagen fehlen, weiß jeder, daß von der Verärgerung über Kleinigkeiten (die sich aber summieren) bis zum Beschwerdebrief ein weiter Schritt ist. Wer sich, zu Hause angekommen, dazu aufraffen möchte, weiß ohnedies, was er als (höfliche) Antwort zu hören bekäme: Personalmangel.

Und damit wären wir bei dem beliebten Thema, das immer wieder beschworen wird, wenn von Mängeln in der Betreuung des Gastes die Rede ist. Daß der Personalmangel das Problem Nr. 1 in der ganzen Wirtschaft ist, steht außer Frage. Ob er allerdings maßgeblich für die nachlassende Attraktivität Deutschlands als Reiseland verantwortlich gemacht werden darf, sei dahingestellt. Andere Länder stehen vor genau dem gleichen Problem, und dennoch haben sie wachsende Besucherzahlen. Es war denn auch ein befreiendes Wort in der um diesen Punkt hitzigen Diskussion, als Direktor Loeble, Fachgruppenleiter für das Hotelgewerbe Baden-Württemberg, ohne Umschweife sagte: „Wir können uns nicht immer auf den Personalmangel herausreden. Wir müssen damit fertig werden, wie andere Länder es auch tun. Wenn wir ständig davon sprechen und uns für jedes Versagen damit entschuldigen, impfen wir den Leuten geradezu die Überzeugung ein, daß es um die deutsche Hotelerie und Gastronomie schlecht bestellt ist. Damit ist keine Werbung zu betreiben!“

Bravo! Und ein anderer Satz sei ebenfalls wiederholt: „Ein gutes Haus hat auch noch immer gutes Personal. Wie man seine Angestellten behandelt, so behandeln sie die Gäste!“