Von Gottfried Sello

Gehört sie überhaupt ins Büro, die Kunst! Soll sie nicht draußen bleiben, in ihrem eigenen Bereich, im Museum beispielsweise, wo man sie nach Wunsch und Laune besuchen oder auch nicht besuchen kann, wo man auf die Begegnung, auf das künstlerische Erlebnis vorbereitet ist, statt daß die Kunst den ahnungslosen Betrachter an beliebiger, an unerwarteter Stelle überfällt? Die Kunst, die zeitgenössische Kunst, hat es schwer; niemandem kann sie es recht machen. Bleibt sie bei sich, im Kreis der Kenner und Liebhaber, dann ist von Elfenbeinturm und blassem Ästhetizismus und Weltflucht die Rede. Kommt sie aber auf die Straße, geht sie unters Volk, ins Büro, dann meinen ihre Anhänger, daß sie sich profaniere.

Folgendes kann einem in Oslo passieren. Man geht in ein Schiffahrtsbüro, bucht am Schalter eine Kabine für den "Kronprins Harald", der zwischen Kiel und Oslo pendelt, und während ein netter junger Mann den Fahrschein ausschreibt, schaut man zufällig an die Wanc und glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Das ist doch, zum Teufel, ein Munch? Das berühmte Munch-Motiv, die tanzenden Paare am Strand! Eine Farbreproduktion? Aber es gibt keine Reproduktion von vier Metern Länge. Es ist ein Original, und jedes europäische Museum wäre glücklich, es zu besitzen. Und wenn man sich jetzt in diesem ganz normalen, mittelgroßen Schalterraum umschaut, entdeckt man neben dem Entwurf zum "Lebensfries" noch drei Munch-Gemälde. Die Überrumpelung ist vollkommen, der Eindruck ist überwältigend: der berühmte Blitz aus heiterem Himmel, der zündet, hier, in der Schalterhalle.

So etwas ist natürlich nur in Oslo möglich. Die norwegischen Reeder sind große Kunstsammler. Der Reeder Ostad und seine Frau Sonja Henie haben gerade ihre imposante Bildersammlung dem Staat geschenkt; ein Museum soll ihr errichtet werden, und die Stuttgarter Staatsgalerie hat ihre schönsten modernen Bilder dem Reeder Molzau abgekauft. In Norwegen besitzen die Reeder offenbar so viele Bilder, daß sie, wenn ihre Wohnung voll ist, ihre Munchs ins Büro hängen.

Die Norweger haben ihren Munch, die Deutschen ihren Nolde. Ein Seestück von Nolde wird als Repräsentationsbild für Firmenräume hochgeschätzt. Die deutsche Filiale eines britischen Weltkonzerns wählte für ihren Sitzungssaal ein Stilleben des großen Engländers Ben Nicolson. In einer hessischen Textilfabrik hängt im Konferenzraum ein strahlender Nay, in der Filiale einer britischen Ölgesellschaft ein Merveldt.

Wird ein Munch, ein Nay, ein Nolde dadurch schlechter, daß er in profaner Umgebung hängt? Es ist ein Aberglaube, daß die Umwelt auf das Kunstwerk negativ einwirken könne. Umgekehrt verhält es sich, sagen die Betriebspsychologen, wenn man sie fragt, warum sie dafür plädieren, Kunst ins Büro zu bringen. Sie, die Kunst, soll das Betriebsklima verbessern, und sie soll ein wenig Glanz in die notorische Nüchternheit des Büros hineinbringen. Sie soll als eine Art geistigem Coca-Cola jedem, der Durst hat, zur Verfügung stehen. Wer an der Holerithmaschine schafft oder über dem Stenogrammblock stöhnt, den soll der Aufblick zum Bild an der Wand Entspannung, Erholung, Freude bieten.

Kunst im Büro sei vor allem, meinte ein Personalchef, für die weiblichen Betriebsangehörigen von psychologischer Bedeutung. In einer vorwiegend männlich orientierten Arbeitswelt sei das Kunstwerk dazu berufen, etwas von Intimität und Häuslichkeit auszustrahlen, worauf die Frauen entschieden positiv reagieren. Der nächste Schritt freilich, bei dem der Kunstfreund ein leichtes Unbehagen empfindet: Betriebspsychologen bestimmen nach farbpsychologischen Gesichtspunkten den passenden Wandschmuck. Grün beruhigt, Rot regt auf, Blau stimmt melancholisch. Man wähle die grüne Landschaft.