Victoria Sackville-West gehörte zu den oberen Zehntausend der englischen Gesellschaft und zu den oberen, sagen wir, zweihundert der englischen Literatur. Sie stammte aus einer alten Adelsfamilie und war eng befreundet mit Virginia Woolf, der sie zu der Hauptfigur des phantastischen Romans „Orlando“ Modell stand. Ihre eigenen Arbeiten waren zwar nicht bahnbrechende Werke der Weltliteratur, aber eine schöne Bereicherung der englischen. Ob sie Gedichte oder Romane, Biographien, Reisebücher oder sachkundige gärtnerische Plaudereien brachte – alles, was sie schrieb, hatte einen sehr persönlichen Charme. Als Erzählerin hat sie sich niemals viel mit der äußeren Handlung abgegeben. Erfindung und Fabulieren waren nicht ihre Stärke. Sie hielt es da offenbar mit Thomas Mann, der in jungen Jahren einmal in einem Brief sagte: „Die ‚Fabel‘ ist ja unendlich gleich, aber man muß doch eine haben, nicht wahr.“

Ihre Romane sind Charakterstudien, sind Niederschlag für die künstlerische Gestaltung von Eindrücken und Ideen. In ihrem letzten Buch (sie starb voriges Jahr) –

Victoria Sackville-West: „Weg ohne Weiser“, aus dem Englischen von Ingeborg Stricker; Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg; 222 S., 15,80 DM

hat sie es sich mit der „Fabel“ besonders leicht gemacht. Eine reichlich abgebrauchte Romansituation muß herhalten, um das nun einmal unerläßliche Gerüst zu schaffen: Die Erzählung wird als das Reisetagebuch eines fünfzigjährigen Mannes aufgezogen, der, obwohl er sich nicht eigentlich krank fühlt, von seinem Arzt erfährt, daß er nur noch wenige Monate zu leben hat. Diese durchsichtige Tarnung kann unmöglich, und soll wohl auch nicht, verhehlen, daß es im wesentlichen die eigenen Aufzeichnungen Victoria Sackville-Wests sind. Sie machte 1957 mit ihrem Mann, dem brillanten, in vielen Sätteln gerechten Schriftsteller Sir Harold Nicolson (der Klappentext verleiht ihm den Titel Marquis) eine Seereise, über die auch Nicolson, ohne romanhaften Vorwand, ein Buch geschrieben hat. Und wenn eine sensitive Dichterin eine Reise tut, dann kann sie was erzählen. Alle Merkwürdigkeiten, die sie auf der Fahrt sah oder hörte, gaben ihr Stoff für ihr letztes Werk: Die komischen Eigenheiten der Mitreisenden, Berichte von Großwildjagd und Seehundfang, eine Vollmondnacht vor einem Buddhatempel, die unheimliche Fremdartigkeit eines indonesischen Marktes. Aber in den langen Tagen auf hoher See läßt sich auch gut sinnieren, und so sind in diese Tagebuchnotizen viele nachdenkliche Betrachtungen eingebaut, die Gedanken einer reifen Künstlerin über Liebe und Ehe, Religion, Kultur oder die Arbeitsweise des Schriftstellers. Der Liebeskummer des todgeweihten Edmund Carr und seine Eifersuchtsqualen – die „Fabel“ also – sind verglichen mit alledem ziemlich belanglos.

Ein Roman? Eine Reisebeschreibung? Maximen und Reflexionen? Es wäre pedantisch, dieses eigenartige Buch fein säuberlich klassifizieren zu wollen. Man muß es unbefangen genießen, als das Abschiedsgeschenk einer klugen, sensiblen, hochbegabten Frau.

Die Übersetzerin versteht ihr Geschäft, aber die „taktvollen“ Retuschen gehen zu weit. Wenn im Text einmal von Jüdinnen die Rede ist, schreibt sie „Levantinerinnen“, und einen Herrn Braun, über dessen schlechtes Englisch gespöttelt wird, verwandelt sie, völlig sinnwidrig, in einen „Mr. Brown“. Ludwig Fürst