Daß Edelgase nicht so edel sind, wie man früher angenommen hatte, sondern Verbindungen mit anderen Elementen eingehen können, stellte sich vor etwas über einem Jahr heraus, als an der Universität von British Columbia und kurz darauf im Argonne National Laboratory in Illinois Xenon, Krypton und Radon mit Fluor und Sauerstoff zu chemischen Reaktionen gebracht werden konnten (vgl. DIE ZEIT 45/62).

Diese Nachricht rief zunächst unter den Chemikern großes Erstaunen hervor, denn die Atome der Edelgase unterscheiden sich von denen anderer Elemente dadurch, daß ihre äußere Elektronenhülle – nach dem vereinfachten Bohrschen Atommodell – voll besetzt ist. Es ist also in dieser Hülle kein Platz mehr für ein oder mehrere Elektronen eines anderen Atoms. Daher ist es theoretisch unmöglich, daß eine Verbindung der Edelgasatome mit anderen zustandekommt. Irgend etwas stimmt also nicht an der klassischen Theorie der chemischen Bindungen. Vermutlich ist sie zu eng gefaßt und muß erweitert werden, damit Edelgasverbindungen nicht mehr Ausnahmen von der Regel sind.

Eine der vorgeschlagenen Erweiterungen postuliert, daß die Elektronen der äußeren Hülle eines der beiden Atome in einer Edelgasverbindung dem Kern des anderen so nahe kommt, daß eine elektrische Anziehung zwischen beiden wirksam wird.

Welche Hypothese letztlich erklären wird, warum sich Atome mit vollbesetzten äußeren Elektronenhüllen anderen Atomen zugesellen und mit ihnen Moleküle bilden, wissen wir noch nicht. Doch schon aus der Tatsache selbst läßt sich eine interessante Folgerung ziehen. „Wir haben die Edelgase wegen der besonderen Struktur der Elektronenschalen ihrer Atome für chemisch stabil gehalten – irrtümlich, wie wir jetzt sehen“, schreibt Jeremy Musher vom Rockefeller Institute in der Zeitschrift „Science“. „Wir halten auch die Moleküle vieler Verbindungen für stabil, weil ihre Elektronenhüllen in ähnlicher Weise komplett sind. In den Edelgasen haben wir uns getäuscht; könnten wir uns nicht ebenso im Falle der angeblich stabilen Moleküle irren? Sollte uns bisher eine Menge möglicher Reaktionen von Verbindungen mit weiteren Atomen entgangen sein, weil wir sie theoretisch nicht für möglich halten?“

Vielleicht wird der Chemiker, der sich wegen der angeblichen Stabilität einer Substanz nicht von weiteren Experimenten abhalten läßt, völlig neue Arten von chemischen Verbindungen entdecken, spekuliert Musher.

Auf der Suche nach solchen Reaktionen sollte man mit leicht ionisierbaren Substanzen beginnen, schlägt der Forscher vor. Wahrscheinlich wird es sich ohnehin nur um sehr kurzlebige Verbindungen handeln.

Vom Argonne Laboratorium kommt die Nachricht, daß die Edelgasverbindungen nicht nur von theoretischem Interesse sind. Dr. E. H. Appelman und Dr. John G. Malm berichteten kürzlich, daß die Verbindung Xenon hexafluorid mit einer starken Lauge reagiert und ein Perxenat bildet.