Bonn, im Oktober

Schon hatte sich Adenauer als Kanzler vom Bundestag verabschiedet, da stand Erhards Kabinettsliste noch immer nicht fest. Denn noch wußte er nicht, wen er an Stelle des aus dem Kabinett ausscheidenden FDP-Mannes Mischnick zum Bundesvertriebenenminister machen sollte. Am Nachmittag entschied er sich dann für den Präsidenten des Bundes der Vertriebenen, Krüger (CDU).

Rainer Barzel, dem Erhard eröffnete, daß er das Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen an Mende abgeben müsse, erklärte daraufhin, er sei nicht bereit, im Kabinett Erhard mitzuarbeiten. Jene agile Gruppe, die ihn in der Fraktion stützt, war über die Entscheidung Erhards sehr verärgert, aber es kam nicht zu der von einigen vorausgesagten Rebellion. Vermutlich dürften aber Erhards Beziehungen zu dieser Gruppe zunächst etwas gespannt sein.

Es hat sich in diesem Falle aber doch gezeigt, daß ein Kanzler, der entschlossen ist, seinen Willen energisch zu vertreten, auch von der eigenen Fraktion nicht leicht daran gehindert werden kann. Zumal dann nicht, wenn er als Garant des Parteierfolges bei der nächsten Bundestagswahl angesehen wird.

Im Laufe der langen Verhandlungen über die Regierungsbildung mußte Erhard freilich eine Reihe von Zugeständnissen machen. Er wollte, wie man hört, den Bundesarbeitsminister Blank durch Lücke ersetzen, den Bundesernährungsminister Schwarz durch Lücker, er wollte Westrick zum Bundeswirtschaftsminister machen, und Mende wollte er das Ministerium für Wissenschaftliche Forschung geben, das seit zehn Monaten von Lenz (Trossingen) verwaltet wird. Lenz erklärte aber dezidiert, er werde sich nicht in das Schatzministerium zurückschicken lassen, das er bereits vorher geleitet hat. Er würde, wenn ihm das Ministerium für Wissenschaftliche Forschung entzogen werden sollte, lieber auf die Mitgliedschaft im Kabinett Erhard verzichten.

Damit war die sogenannte Sechserlösung überholt, die vorsah, daß die Freien Demokraten ein sechstes Ressort, nämlich das Schatzministerium, bekommen sollten, wenn sie auf das Gesamtdeutsche Ministerium verzichteten. Freilich hätten dann die Freien Demokraten sechs Ressorts gehabt, die CSU nur vier. Franz Josef Strauß ließ Erhard wissen, daß er sich mit einer solchen Verschiebung in der Zahlenproportion nicht abfinden würde.

So bleiben nun fast sämtliche Ressortchefs auf den Posten, auf denen sie sich eingearbeitet haben. Es wäre wohl unsinnig gewesen, nur aus koalitionsarithmetischen Erwägungen einen so gut eingearbeiteten Fachmann wie Seebohm wegzuschicken und dafür, wie es kurz erwogen wurde, Dollinger, der sich nun seit zehn Monaten mit den Spezialfragen des Schatzministeriums vertraut gemacht hat, mit Verkehrsproblemen zu belasten. Dort liegen langfristige Pläne vor, an denen er ohnehin nichts hätte ändern können.