Von Horst Wetterling

In jeder Schulstunde wird es offenbar: Der Eltern müßte man sich annehmen, ehe man beginnt, ihren Kindern etwas beizubringen und sie damit – unmerklich oder nachdrücklich – zu erziehen. Erweist sich ein Kind als „schwierig“, so ist es häufig der „Erziehungsstil“ der Eltern, der den Lehrern zu schaffen macht. Nicht mit der Verstocktheit oder dem naseweisen Gebaren eines Kindes hat er es dann zu tun, sondern mit den Ängsten, Enttäuschungen, Vorurteilen oder Wünschen der Eltern. Getreulich spiegeln Kinder in Verhalten und Leistung die unausgetragenen Konflikte oder verstiegenen Erwartungen ihrer Eltern wider. Und auch das selbstsüchtige Laisser-Moment mal: Ich soll also nicht lärmen, mich nicht vordrängeln, kein Bein stellen, keine Schwächeren schlagen, nicht. lügen, den Älteren gehorchen, mich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen, nicht petzen... Und ihr meint, daß ihr mich auf diese Weise fürs Leben vorbereitet? faire und den launischen Wechsel von Räsonnement und Zärtlichkeit, dem sie zu Hause ausgesetzt sind. Aber die Kinder gelten, dann als „schwierig“.

Manche sind es tatsächlich. Darunter besonders die Kinder, deren Eltern es doch „so gut“, mit ihnen meinen. Jeder Kundige erkennt sie sogleich, die kleinen Stars. Nichts fesselt sie, keine Sache nimmt sie gefangen, weder die Tänze, mit denen sich Bienen verständigen, noch der Roland von Bremen, weder der dreistimmige Kanon noch die Gabelung eines Flußlaufes. Haben sie die Frage des Lehrers richtig beantwortet, so schauen sie erst einmal in die Runde, um zu kontrollieren, ob auch jeder davon gebührend Kenntnis genommen hat. Ich habe das alles oft beobachtet. Sie werden von der Frage in Atem gehalten, ob sie eine gute Figur machen oder nicht. Und so wird die Schulklasse für sie zur Arena, in der es ausschließlich darum geht, auf irgendeine Weise bestätigt zu erhalten: „Ich bin besser als andere“, „mich mag der Lehrer.“

Auf dem Schulhof ist es nicht anders. Kein Spiel kann sie gefangennehmen, weder ein rasch improvisierter Staffellauf noch das Fußballspiel, weder „Räuber und Gendarm“ noch „Hippeding“. Freilich fordern sie ihrer Natur gelegentlich Leistungen ab, die sie eigentlich überfordern. Jedoch läßt der Sieg ihrer Gruppe sie kalt; mit beredten Kommentaren rücken sie den Beitrag ins Licht, den sie allein geleistet haben. Und so entartet das Spiel zu jenem hektischen Wettkampf, bei dem es allein darum geht, auf irgendeine Weise bestätigt zu erhalten: „Ich bin oben“, „ich bin es, den die anderen mögen.“

Die Schulkameraden? Sie sind allenfalls als Spiegel zu etwas nutze. Der Lehrer? Der taugt nur, sofern er einen anerkennt.

Scheitern sie aber, sich oben zu behaupten, weil ihr Können oder ihr Verstand nicht ausreichen, um eine Aufgabe zu meistern, so resignieren sie schnell. Sie können weder geduldig warten, noch Widerstände mutig und ausdauernd angehen. Auch ertragen sie es kaum, an die Grenzen zu geraten, die jedem Menschen gesetzt sind. Jäh schlägt ihr Selbstbewußtsein um. Dann meinen sie, zu überhaupt nichts mehr zu taugen, und sie versuchen, durch Heulen und verzagtes Fragen wenigstens Mitleid, also wiederum Aufmerksamkeit, zu erregen. Hilft auch das nicht, so bleibt immer noch der Weg in virtuos gespieltes Kranksein offen, um lästigen Anforderungen – und damit vielleicht Niederlagen – zu entgehen und dennoch die Sorge von Erwachsenen herauszufordern. Öder sie werten den Lehrer flugs als „doof“ ab und suchen durch Mogeln ans Ziel zu gelangen.

Das macht: Sie sind daran gewöhnt worden, alles zu bekommen, was sie sich wünschen, ohne etwas dafür zu tun. Schon früh begann es: Die Mutter machte das Loch im Schnuller größer, damit sich das „liebe Kleine“ nicht so anstrengen mußte. Es brauchte auch nur zu schreien, sofort stürzte sie herbei, um es zu beruhigen, zu trösten und zu hätscheln. Und wollte „das Püppchen“ einmal schlafen, so wartete sie ungeduldig darauf, daß es wieder erwache und ihr zulächle. Baute es später einen Turm aus Bauklötzen, so wurde es ob dieses ansehnlichen Bauwerkes so überschwenglich gelobt, daß es bald keine Lust zum Spielen mehr verspürte, wenn diese Belobigung einmal ausblieb. Wird einem Kind ein Übermaß an Liebe, an Hilfe, an Zärtlichkeit über Jahre hinaus zuteil, so muß es glauben: „Ich bin hier die wichtigste Person“, „ich erreiche alles“, „die anderen sind für mich da.“