Die Sommergewinne der Pariser Börse sind im Laufe des Monats September und Oktober fast wieder verlorengegangen. Der Kapitalwert der 996 notierten französischen Werte ging im Laufe des September um 5,1 % im Vergleich zum Vormonat zurück. Zu den stärksten Verlierern gehörten Chemiewerke, die gegenüber den höchsten Kursen von März 1962 14,6 % einbüßten.

Nur eine Ausnahme ist bemerkenswert: die feste Haltung der Textilwerke im September. Sie haben gegen Ende August 7,1 % gewonnen, was vorwiegend auf die Erholung der Kurse fast aller zum Gillet Konzern gehörenden Gesellschaften, die um die beiden Holdings „Textil“ und „Pricel“ gruppiert sind, zurückzuführen ist.

Trotz ungewöhnlich hoher Mittel, die bei Banken und Maklern zur Verfügung stehen, hält die Kundschaft zurück. Sie erledigt nur die mit Kapitalerhöhungen zusammenhängenden notwendigsten Aufträge.

Warum herrscht diese Haltung, die in merkwürdigem Gegensatz zur günstigen Konjunktursituation steht? Es scheint, daß sie mehr psychologisch als sachlich begründet ist. Einen überaus schlechten Eindruck hat nämlich die Erfassung der durch Spekulation erzielten Mehrgewinne aus Grundstücksgeschäften gemacht, besonders da sie mit rückwirkender Wirkung in Kraft treten sollen. Offenbar fürchtet die Kundschaft, die Regierung werde dazu übergehen, auch die Spekulationsgewinne an der Börse zu erfassen und damit die Forderung der Sozialisten zu verwirklichen, die bisher von allen Regierungen abgelehnt worden ist.

Den Banken ist diese Zurückhaltung der Kundschaft und ein dadurch verursachtes langsames Abgleiten der Kurse nicht unangenehm, weil sie nunmehr Zeit und Muße haben, Effektenbestände anzusammeln, die sie für die Bildung der „open end“ Investmenttrusts benötigen. Tatsächlich nehmen die Banken alles von der Kundschaft herauskommende Material laufend auf. Starke Kurseinbrüche sind daher in der nächsten Zeit wenig wahrscheinlich.

Die Umsätze schwanken indessen sehr. An manchen Tagen nähern sie sich der 100-Millionen-Grenze, um alsbald sehr schnell wieder auf unter 75 Millionen zurückzufallen. In ihrer Zusammensetzung ist der überaus niedrige Anteil des Termingeschäftes, der sich im Durchschnitt nur auf 20 Millionen hält, auffallend. Damit ist der Beweis geliefert, daß auch die Berufsspekulation sich zur Zeit auf ein Mindestmaß von Transaktionen beschränkt. Sehr erheblich dagegen wächst der Prozentsatz des Geschäfts an den Kassamärkten, auf denen die Kundschaft in kleinen Beträgen verkauft.

Dagegen hat sich das Interesse für festverzinsliche Schuldverschreibungen, besonders für Indexobligationen, erhöht. Durch die Einführung der neuen Anleihe von 2 Milliarden, die so schlecht placiert bleibt, daß sie den Parikurs nicht überschreitet, hat die Beliebtheit der Pinay-Rente von 1952 bis 1958 keine Einbuße erlitten. Sie hält sich (wegen der Vorteile bei der Erbschaftssteuer) bei einem Kurs von ungefähr 140 %. Auch die im Februar dieses Jahres emittierte steuerfreie 4 1/4 % Regierungsanleihe mit 15jähriger Laufzeit konnte eine Prämie von 2 % hartnäckig verteidigen.

RETLAW